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Zeitschrift für Regionalgeschichte Selm und Umgebung - ISSN 2366-0686

Die Teuerung betreffend - 1856/57        

Christel Gewitzsch

Die Revolution von 1848 hatte sich bei den Herrschenden tief ins Gedächtnis eingeprägt und die Angst vor einem erneuten Ausbruch von Unruhen hielt an. Und weil es damals nicht nur um die großen politischen Fragen ging, sondern der Protest auf den Straßen sich auch gegen die hohen Brotpreise richtete, läuteten die Alarmglocken, als ab 1850 die Lebensmittelpreise wieder kontinuierlich anstiegen und in den Jahren 1854 bis 1856 nicht nur in Deutschland durchschnittlich auf und teilweise sogar über dem Niveau von 1846/47[1] lagen.

In einem Zirkular an die Bezirksregierungen forderte das Innenministerium im Dezember 1855 die Behörden auf, die kommunale Armenpflege, die Beschaffung von Arbeitsmöglichkeiten und die Tätigkeiten der privaten Hilfsvereine zu fördern und zu beaufsichtigen und die Stimmung der unteren Volksklassen auf das Sorgfältigste zu beobachten. Der Verdacht liegt nahe, dass es vielen Beteiligten nicht in erster Linie um die Behebung von Notständen, sondern um die Beruhigung der Bevölkerung ging.

Darstellung in den Zeitungsberichten

Beim Regierungsreferendar Lambert Josef Rospatt – er vertrat den erkrankten Landrat Graf Schmising in Lüdinghausen – liest sich das etwas anders. In den Zeitungsberichten für die Regierung schrieb er ab Ende Juli 1855 regelmäßig von dem wachsenden Wohlstand der Landwirte im Gegensatz zu der sich verschlechternden Lage der anderen Bewohner. In den hohen Preisen für landwirtschaftliche Produkte bei gleichzeitiger Stagnation der Arbeitsverdienste[2], sah er den Grund für das Dilemma. Anfang Dezember schilderte er die Sorgen, mit denen der arme Bürger und die gering besoldeten Beamten dem nahen Winter entgegen sahen. Einen Ausweg sähen viele Personen der arbeitenden Klasse im Bergischen, wo Bergwerke und Hütten Arbeit boten, während in der hiesigen Gegend nicht genügend Beschäftigung für die Arbeiter zu finden sei.

Rospatt wendet sich an die Ämter

Mit einem ausführlichen Schreiben wandte Rospatt sich am 5. Januar 1856 auch an die ihm untergebenen Behörden. Angesichts der schon lang anhaltenden Kostensteigerung bei Lebensmitteln und der nur mittelmäßigen Ernte des letzten Jahres sollten sie auf die Nahrungs-Verhältnisse der ärmeren Volks-Klassen ein aufmerksames Auge ... richten.[3] Seine Erkundigungen hatten ergeben, dass in allen Gemeinde Familien lebten, die in diesen Monaten nicht mehr über genügend Geld verfügten, um das Lebensnotwendigste zu beschaffen. Um niemanden vor den Kopf zu stoßen, äußerte er sich lobend über die bisherigen Bemühungen der Ortsbehörden und der Geistlichkeit, doch richtete sich deren Aufmerksamkeit in erster Linie auf diejenigen Armen, welche der Armenpflege wirklich anheim gefallen sind. Rospatt sorgte sich mehr um das Wohlergehen der Familien der kleinen Handwerker, Weber und Arbeiter, welche in besserer Zeit nicht die Privat- oder öffentliche Wohlthätigkeit in Anspruch genommen haben, und dies zu thun auch jetzt noch Scheu tragen. Diesen Leuten frühzeitig beizuspringen, solange sie noch aufrecht gehalten werden können, wäre jetzt besonders wichtig.

Zufrieden äußerte sich Rospatt über die in einzelnen Gemeinden aktiv gewordenen wohltätigen Privatvereine, als eine ausreichende Abhülfe in der gegenwärtigen Zeit der Bedrängniß konnte er deren Arbeit aber nicht ansehen. Ihm erschien es als eine unabweisliche Pflicht der zur Unterhaltung ihrer Armen verbundenen Gemeinden, diejenigen Mittel bereit zu stellen, welche zur Gewährung der nöthigen Hülfe noch weiter für erforderlich zu erachten sind. Wie die Gemeinden die Mittel für diese Aufgabe beschafften, überließ er zunächst dem wohlerwogenen Ermessen des Amtes, und der sorgfältigen Berathung der Gemeindevertreter. Rospatt erwartete deren vollen Einsatz. Sie sollten keine Mühen scheuen und es nicht am nötigen Eifer fehlen lassen, um den notleidenden Familien eine wirkliche Hilfe zuteilwerden zu lassen. Auch glaubte er, daß es dazu einer ernsteren und nachdrücklicheren Anmahnung [s]einer Seits nicht bedürfen wird.

Aber in der realistischen Einschätzung der Wirksamkeit von Appellen fordert er binnen drei Wochen Berichte über die Resultate der örtlichen Bemühungen an.

Hördemann erkundigt sich

Der Amtsverweser Hördemann – Amtmann Stojentin war Ende 1855 gestorben und sein Nachfolger Föcker erst im März mit der kommissarischen Verwaltung der Stelle betraut worden – wurde daraufhin tätig. Über Borker Aktivitäten konnte er schon nach zehn Tagen berichten, da war er schließlich vor Ort. Die Informationen aus den anderen Gemeinden ließen etwas auf sich warten, so dass er die von Rospatt gesetzte Frist nicht einhalten konnte.

Die Aktivitäten in den Gemeinden

Die Borker Gemeinderäte hatte beschlossen, um der Bedrängnis der nothleidenden Einwohner Klassen zu Hülfe zu kommen aus Holland einige fünfzig Centner Reis zu beziehen, und diese zum Einkaufspreise an die dürftigen zu verkaufen. Roggen wollte man im Augenblick nicht einkaufen, da die Noth nicht eine derartige sei, die solches schon jetzt erheische. Das Geld für den Einkauf von Reis und eventuell auch von Roggen sollte die Gemeinde als Darlehen von verschiedenen Eingesessenen beziehen, insgesamt waren 400 Taler zugesagt worden. Auch hatte der Holzhändler Schürmann Vorbereitungen für die Abholung der fünfzig Zentner getroffen und sobald die Lippe wieder befahrbar war, konnte  der Transport beginnen. Gleichzeitig gab Hördemann Entwarnung. Der Notstand sei nicht mehr auf der Höhe wie noch vor kurzem. Man höre im Augenblick fast keine Klagen von der arbeitenden Klasse, weil die meisten inzwischen gegen einen guten Tagelohn eine Beschäftigung gefunden hätten und die Getreidepreise sehr im Fallen begriffen seien.

Nachdem Hördemann die Gemeindevorsteher von Selm und Altlünen an die Erledigung dieser Aufgabe erinnert hatte, trudelten auch von dort die Stellungnahmen ein. Der Selmer Gemeindevorsteher Weischer teilte mit, dass in Anbetracht der großen privaten Wohltätigkeit und der schon in circa sechs Monaten zu erwartenden reichen Ernte ein Beschluss in dieser Sache noch einige Wochen hinaus zu stellen sei. Aus dem Selmer Armenetat wurden für das Jahr 1855 neben den Verwaltungskosten als Leistung allerdings nur zwei Taler und 25 Silbergroschen für einen Armensarg an den Zimmermann Forsthövel bezahlt. 1856 gab es gar keine Ausgaben für die Unterstützung der Armen.

In Altlünen waren die Vertreter des Gemeinderats einstimmig der Meinung, daß eine Unterstützung an Geld für hülfsbedürftige Eingesessene hiesiger Gemeinde am Zweckmäßigsten sei, und beschloß man deshalb daß zu diesem Behufe die Summe von (30 t.) dreißig Thaler aus der Gemeindekasse von Altlünen, dem Armen-Vorstand hieselbst zur Unterstützung wirklich hilfsbedürftiger Eingesessenen der Gemeinde Altlünen, gezahlt würde.

Den Abschlussbericht an das Landratsamt schrieb dann schon der neue Bürgermeister Föcker. Er referierte die Beschlüsse der Gemeinden und ergänzte für Altlünen deren Bereitschaft, falls nötig, eine fernere Unterstützung zu gewähren, wenn diese durch die Verhältniße erheischt würde. Auch der Pfarrer von Wieck habe dieses Verfahren als das zweckmäßigste angesehen und ihm habe er auch aufgetragen, baldigst für die Verteilung der bewilligten dreißig Taler zu sorgen, sie jedoch nur an wirklich Hülfsbedürtige vorzunehmen. Mit der Auszahlungsanweisung an die Gemeindekasse Altlünen zugunsten des Armenvorstands fand dieser Vorgang sein Ende.

Mai 2018
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[1] und folgende Zitate: Martina Engelns, Regierung der Teuerung nach 1848, Bielefeld 2016, S. 8 u. S. 154.
[2] und folgende Zitate: LAV NRW W, Kreis Lüdinghausen Nr. 37.
[3] und folgende Zitate: StA Selm, AB-1 – 319.

 
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