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Zeitschrift für Regionalgeschichte Selm und Umgebung - ISSN 2366-0686

Beilage 2

Zu den Quellen - Stein und die Monumenta Germaniae Historica

Christel Gewitzsch

Am 20. Januar 1819 war es soweit. Freiherr vom Stein hatte einen kleinen Kreis Gleichgesinnter um zwei Uhr nachmittags in seine Frankfurter Wohnung eingeladen, wo sie den Inhalt des Promemoria durchgehen, beraten und darüber beschließen, und wenn dies geschehen, zusammen essen[1] wollten. Beschlossen wurde die Gründung der „Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde“, die es übernahm, eine Quellensammlung der deutschen Geschichte – insbesondere des Mittelalters – anzulegen. Die Versammelten waren nicht die ersten und einzigen, die sich mit diesem Thema beschäftigten. Schon im 18. Jahrhundert wurden ähnliche Pläne erörtert; 1807 stellten zwei junge Wissenschaftler Stein ihr Projekt für eine Sammlung altdeutscher Literatur vor und baten um Steins nicht nur ideelle, sondern auch materielle Unterstützung[2] und in Berlin fanden sich einige Mitglieder der Akademie, Beamte und Professoren zusammen, um den Gedanken einer Quellensammlung zu realisieren. Als die Bemühungen der Berliner ins Leere liefen, entschied sich Stein in kühnem Selbstvertrauen und in fester Zuversicht, daß der deutsche Adel und das deutsche Volk ein unter seiner Führung begonnenes Unternehmen nicht im Stich lassen würden, von sich aus und mit privaten Mitteln den Teil des großen Werkes ins Leben zu rufen, der ihm vor allem am Herzen lag.[3]

Geschichtsunterricht

An Geschichte interessiert zeigte sich Stein schon seit seiner Jugend. Neben der Jurisprudenz belegte er Vorlesungen in Geschichte, aber wohl nicht nur, weil das in der damaligen Zeit als Leit- und Neigungsfach bei jungen Adeligen geradezu zum Pflichtkanon[4] gehörte. Während der napoleonischen Zeit arbeitet er sich in die französische Geschichte ein. Er wollte die Ursachen der Revolution ergründen und die Kräfte verstehen, welche diese Nation zum Bezwinger und Beherrscher großer Teile Europas werden ließ. Selbst seine erst 11-jährige Tochter Therese animierte er 12- und 9-bändige Geschichtswerke eines französischen Autors zu studieren.

Stein traute dem Studium der Geschichte starke erzieherische Impulse zu. In einem Brief von 1816 an den Pädagogen Bernhard Moritz Snetlage äußerte er sich zu Erziehungsfragen. Über die beiden Söhne seiner Schwägerin Georgine von Wallmoden und des 1812 verstorbenen Grafen von Arnim Boitzenburg war ihm die Vormundschaft übertragen worden und zur Ausbildung des jungen Adolf von Arnim schrieb er: Es ist überflüssig, einem Mann wie Ew. W[ohlgeb.] zu sagen, daß Religion und Geschichte, und besonders deutsche Geschichte, die kräftigsten Mittel sind, um den Charakter zu veredeln, das junge Gemüt mit würdigen Gesinnungen zu erfüllen und es zu achtungswerten Handlungen fähig zu machen. Der junge Arnim werde Soldat oder öffentlicher Beamter, das ist gleichviel, wenn er nur den Umfang der Pflicht seines gewählten Standes begreift und von dem Vorsatz, sie zu erfüllen, durchdrungen ist, wenn er in dieser Einsicht und in diesen Gesinnungen eine Schutzwehr gegen Genußliebe, Frivolität, Trägheit findet.[5] Ein Jahr später hieß es in einem Brief an den späteren Konsistorialrat in Münster Friedrich Kohlrausch: Allerdings ist Geschichte ein kräftiges Werkzeug, um auf die Bildung der Jugend zu wirken und sie frühzeitig mit dem Ernst des Lebens bekanntzumachen, in ihr Nationalität zu erwecken.[6]

Folgerichtig widmete Stein dem Geschichtsunterricht seiner beiden Töchter Henriette und Therese viel Zeit und Mühe. Seine 560 Seiten umfassende Bearbeitung der französischen Ereignisse von 1789 bis 1799 wurde auch im Unterricht der Tochter Henriette eingesetzt. Als er sich nach dem Fall Napoleons der deutschen Geschichte zuwandte, diktierte er den Text seiner zweiten Tochter Therese, die 22 Hefte vollschrieb. Entlang dieser und weiterer Ausarbeitungen leitete Stein – auch aus der Ferne – ihre geschichtliche Weiterbildung. In den meisten Briefen, die er an sie richtete, gab er ihr konkrete Anweisungen für die Arbeit und dabei mutete der Vater dem Teenager Therese eine durchaus schwere Kost zu.

Die Vorbereitungen zu den Geschichtsstunden für das kommende Jahr [1817] setze ich fort. Ich habe unterdessen das Leben Kaisers Otto I. vollendet und werde während meines Hierseins bis zu Heinrich II. kommen. [7] - Hier bin ich recht fleißig an der deutschen Geschichte und hoffe, ehe Du wiederkommst, bis zu Rudolph von Habsburg gekommen zu sein.[8] - Wir wollen diesen Sommer [1818] mit der deutschen Geschichte fortfahren, da du erst Rudolf II. erreicht und abgehandelt hast, so werdet ihr schwerlich den 30jährigen Krieg endigen.[9] - Das Leben Friedrichs II. wird Dir zugekommen sein, und ich hoffe, Du und Pauline[10] werden fortfahren mit den Auszügen, damit die Zeit nicht verloren gehe. Wenn wir einmal uns wiedersehen, so wollen wir das Leben von Maximilian, dann die Geschichte der Reformation, dann die des Dreißigjährigen Kriegs vornehmen, welches alles uns lange beschäftigen wird.[11]

Werbung für die Sammlung

Titel der Ausgabe "Diplomata Imperii" Band I, Hannover 1872

Harry Bresslau schreibt in seiner Geschichte der Monumenta Germaniae, dass der erste Hinweis auf Steins Plan zur Bildung einer Gesellschaft für deutsche Geschichte von 1815 stammt, als er Goethe auf einer Rheinfahrt von seinem Vorhaben erzählte.[12] Ohne öffentliche Ämter wollte er die Leere mit dem Studium der Geschichte füllen. Und bei den Unterrichtsvorbereitungen für seine Töchter bemerkte er die mangelhafte Quellenlage.

Stein begann einen Werbefeldzug für sein Projekt. Obwohl er sich 1816/17 um das Tauschgeschäft der Güter Birnbaum – Cappenberg kümmern musste, schrieb er viele Briefe in Sachen Quellensammlung. Er korrespondierte mit dem Verleger Cotta, mit dem späteren Kultusminister Eichhorn, dem spätere Sekretär der Gesellschaft Büchler, dem Pädagogen Kohlrausch, dem preußischen Gesandten beim Vatikan und früheren Mitarbeit Steins Niebuhr, dem ehemaligen Mitglied des Verwaltungsrates für die befreiten deutschen Gebiete unter Stein Gagern, dem ehemaligen Präfekten Romberg, dem Domdechant Spiegel u.a. und warb um Unterstützung. Voller Optimismus glaubte er sowohl an ein großes allgemeines Interesse,[13] als auch an eine wohlwollende Hilfe bei der Arbeit und der Finanzierung. Er war ihm klar, für die Suche in Archiven, Bibliotheken und Klöstern viele Gelehrte und Geschichtsfreunde finden zu müssen, die Kontakte knüpften und eigenhändig stöberten. So spielte er zu Anfang auch mit dem Gedanken, viele örtliche Vereine an Stelle einer Gesamtgesellschaft zu bilden. Die niederrhein-westfälische historische Gesellschaft würde durch ihre Tätigkeit den anderen als Beispiel vorleuchten.[14] In Westfalen würde [er] selbst gerne mitwirken.[15] Auch Goethe zeigte weiterhin wohlwollendes Interesse, - aber auch nicht viel mehr -, schickte eine Abhandlung „Über Kunst- und Altertum in den Rhein-Main Gegenden“, versprach, junge Gelehrte für die Arbeit zu gewinnen und schmeichelte, in dem er seine Bereitschaft bekundete, auf irgendeine Weise ein Unternehmen zu fördern, das einem Manne am Herzen liegt, an den ich mich nur mit verehrender Dankbarkeit erinnern kann.[16]

In der Begeisterung für sein Vorhaben griff Stein zu großen Worten. Im Vergleich zu den Quellensammlungen anderer europäischer Staaten nannte er die deutsche Geschichte vielseitiger, reicher an großen Männern und an großen Ereignissen, in den Gang der europäischen Geschichte tiefer eingreifend, also von einem viel größeren Interesse für die Nation und für die europäische Menschheit.[17] Als bedeutendste Epoche nannte er die, wo die Nation unter ein Oberhaupt vereint von der Weichsel bis an die Rhone herrschte, von Karl dem Großen bis zu dem Untergang der hohen Staufen.[18] Duchhart kommt zu dem Schluss: Diese (in hohem Maß verklärte) Zeit wieder lebendig werden zu lassen, an sie ggf. auch wieder anzuknüpfen, war die große „Philosophie“, die hinter dem Entschluss stand, sich auf das wissenschaftliche Wagnis der Sammlung der deutschen Geschichtsquellen einzulassen, ...[19]

Finanzierung

Überschätzt hatte Stein die Bereitschaft seiner Zeitgenossen, das Vorhaben finanziell zu unterstützen. Die Adeligen stellten ihre privaten Mittel nicht in dem von ihm erhofften Ausmaß zur Verfügung. Noch im Sommer 1818, als er konkret damit begann, Geldmittel zu sammeln, meinte er: Unser hiesiger Adel ist reich, gutgesinnt und empfänglich für Unternehmen dieser Art[20]. Ein Fonds von 20.000 Talern sollte zusammenkommen, bevor man ein Direktorium berief und Mitarbeiter einstellte.

In einem ersten Vermerk über eingegangen Gelder treten nur Steins Freunde Mirbach und Spiegel mit je 1.000 Taler in dreijährigen, beziehungsweise fünfjährigen Raten in Erscheinung. Stein selber gab 3.000 Taler in dreijährigen Raten. Der Kreis der Spender erhöhte sich langsam um weitere Personen, womit man die 10.000er Schwelle überschritt. Als die Gefahr bestand, das ganze Unternehmen wegen Geldmangels aufgeben zu müssen, wandte Stein sich an die Krone. Die 1.000 Taler, die der König daraufhin erst einmal bereitstellte, füllten zwar nicht die Finanzierungslücke, erhöhten aber die Akzeptanz des Vorhabens und veranlassten weitere Herrschaftshäuser, Dynastien und Staaten zu einer Beteiligung.

Erbost äußerte sich Stein über den reichen Bischof Fürstenberg, den er mit einem langen,  schmeichelhaften Brief umgarnte. Unter keinen günstigeren und angemesseneren Auspizien kann eine Unternehmung zur Erleichterung und Verbreitung des Studiums deutscher Geschichte begonnen werden als unter denen eines deutschen Fürsten, der durch Gelehrsamkeit und religiöse Tugend die Achtung Deutschlands erweckt und eine hohe Würde bekleidet, die vorlängst ein vortrefflicher Mann seines Geschlechts, Frhr. v. Fürstenberg,[21] durch gleiche Eigenschaften verherrlichte.[22] Mehr als ein Jahr später notierte Stein in seinem Briefkonzept: Der Herr Bischof hat die Einladung selbst nicht einmal beantwortet. Nach dessen Tod nahm Stein kein Blatt vor den Mund und lästerte, der Bischof habe überhaupt keinen Gemeinsinn besessen [...] und alles einem „fratzenhaften Vetter“ hinterlassen.[23]

Organisation  

Vor der Gründungssitzung im Januar 1819 galt es, personelle, administrative und inhaltliche Fragen zu klären. Der Legationsrat Lambert Büchler besorgte schon seit einigen Monaten die Korrespondenz, der Archivassessor Karl Georg Dümgè war als wissenschaftlicher Berater eingestellt worden. Er erhielt  die Aufgabe, eine Ankündigung der Quellensammlung zu verfassen, die an weitere Personen verschickt wurde, von denen man sich Geld und Mitwirkung bei der Leitung erhoffte. Ende Dezember 1818 übertrug man ihm die redaktionelle Leitung der Edition. Aus vier Bundestagsgesandten und Stein konstituierte sich auf der Januarsitzung das Direktorium. Büchler und Dümgè blieben in ihren Funktionen und Stein bat seinen Bankier Theodor Mühlens, daß [sein] Haus die Berechnung der eingehenden Gelder für den Verein zur Beförderung der Ausgabe deutscher Geschichtsquellen gefälligst übernehme[24]. Mit der Aufforderung zum Gedankenaustausch erhielten 44 Wissenschaftler Dümgès Ausarbeitung, die Öffentlichkeit wurde durch die Presse informiert.

In den Sitzungen vom 12. und 15. Juni 1819 verabschiedete die Direktion u.a. die Statuten der Gesellschaft, (Stein hatte nicht teilgenommen, wahrscheinlich wegen der Konfirmation seiner Tochter Therese am 11. Juni) die dem Bundestag und der Bundesversammlung mit der Bitte um Schutz und Unterstützung vorgelegt wurden. Die Bundesversammlung stimmte dem Antrag einstimmig zu. Die Direktion erwählte einflussreiche Persönlichkeiten als Ehrenmitglieder, um mit deren Reputation das Fortkommen der Gesellschaft zu fördern. Auf Dümgès Vorschlag hin, beschloss sie die Herausgabe einer Zeitschrift mit dem Titel „Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde zur Beförderung einer Gesamtausgabe der Quellenschriften deutscher Geschichten des Mittelalters“. Das erste Heft wurde Ende September 1819 gedruckt.

Über die Gründung hinaus blieb Steins Interesse an der Arbeit und dem Fortkommen der Gesellschaft bestehen. Er machte detaillierte Vorschläge zum Auffinden von Quellen, zur  Einbindung von tüchtigen Geschichtsforschern[25], zur Aufnahme bestimmter Quellenschriftsteller, zur Gewinnung weiterer Mitglieder usw. Unsägliche Freude[26] empfand er, als er im August 1826 von Georg Heinrich Pertz, dem Leiter der Gesellschaft seit 1823, von der Fertigstellung des ersten Bandes der Monumenta erfuhr.

Der Kampf um ausreichende Unterstützung und Anerkennung und die Überlegungen zu inhaltlichen und organisatorischen Klarstellungen und Verbesserungen hielten jahrelang an. 1875 bekam die Gesellschaft den Status einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft mit Sitz in Berlin und Finanzierung durch das Deutsche Reich. Heute befindet sie sich in München im Gebäude der Bayerischen Staatsbibliothek.

Januar 2019
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[1] A. H. von Wallthor (Bearb.), Freiherr vom Stein, Briefe und amtliche Schriften, Band 6, Stuttgart 1965, S. 5.
[2] Heinz Duchhardt, Stein, Eine Biographie, Münster 2. Auflage 2010, S. 394.
[3] Harry Bresslau, Geschichte der Monumenta Germaniae historica im Auftrag ihrer Zentraldirektion, Hannover 1921, Unveränderter Nachdruck 1976, S. 20.
[4] Duchhardt, S. 30.
[5] Manfred Botzenhart Bearb.), Freiherr vom Stein, Briefe und amtliche Schriften, Band 5., Stuttgart 1964, S. 517.
[6] Ebenda, S. 635.
[7] Ebenda, S. 565f.
[8] Ebenda, S. 609.
[9] Ebenda, S. 771.
[10] Pauline von Merfeldt, aus der gräflichen Familie in Schloss Westerwinkel, 1807-1873, verh. 1829 mit Klemens Korff gen. Schmising, Bruder des späteren Landrats in Lüdinghausen.
[11] Botzenhart, a.a.O., S. 814.
[12] Bresslau, a.a.O., S.4.
[13] Botzenhart, S. 476.
[14] Ebenda, S. 477.
[15] Ebenda, S. 558.
[16] Ebenda, S. 568.
[17] Ebenda, S. 505.
[18] Ebenda, S. 472.
[19] Duchhart, a.a.O. S. 397.
[20] Botzenhart, S. 808.
[21] Ferdinand Freiherr von Fürstenberg, 1626-1638, Fürstbischof von Paderborn und Münster.
[22] und folgendes Zitat: Botzenhart, S. 810.
[23] Botzenhart, S. 399.
[24] Wallthor, a.a.O., S. 7.
[25] Ebenda, S. 107.
[26] A. H. von Wallthor (Beab.), Freiherr vom Stein Briefe und amtliche Schriften, Band 7, Stuttgart 1968, S. 23.

 
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