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Zeitschrift für Regionalgeschichte Selm und Umgebung - ISSN 2366-0686

Zu Botzlar geboren, in Bytom geehrt: Georg Brüning
(1851 – 1932) [1]

Dieter Gewitzsch

Bürgermeister Dr. Georg Brüning mit der offiziellen Amtskette.

Bürgermeister Dr. Georg Brüning mit der offiziellen Amtskette. (Foto eines Ölgemäldes: Stefa Katz, Beuthen O/S.) Siehe auch unten.

Die polnische Stadt Bytom, das frühere Beuthen in Oberschlesien, feierte im Jahr 2004 ihr 750jähriges Bestehen und erinnerte sich wieder an den „vergessenen Bürgermeister“ Georg Brüning. Stadtrat und Bürgerschaft suchten nach Wegen, den „außergewöhnlichen Mann“ aus Westfalen angemessen zu würdigen und mit der Benennung eines Bauwerks o.ä. zu ehren. Man dachte daran, einen Sitzungssaal des Rathauses oder den Kreisverkehr an der Autobahnausfahrt mit dem Namen „Brüning“ zu verbinden, konnte sich aber nicht entscheiden.

2012 beging Bytom den 80. Todestag Brünings, der von 1883 bis 1919 das Amt des ersten Bürgermeisters bekleidete und sich in den 36 Jahren um die Stadt verdient gemacht hatte. Einige Autoren sehen in Brüning den berühmtesten Bürgermeister Bytoms und einen effizienten Verwalter der städtischen Vermögenswerte. Trotz solcher Erfolge war die Erinnerung verblasst, doch das wollten die Stadträte 2014 aus Anlass der Feier „760 Jahre Bytom“ ändern und entschieden sich für eine Lösung mit „größerer Reichweite“: Einer der schönsten Orte der Stadt, der Platz vor dem Rathaus, solle ab 2015 den Namen „Plac Georga Brüninga“ tragen.

Zu Botzlar geboren

Georg Brüning wurde am 12. August 1851 auf dem Gut Botzlar bei Selm geboren und am 16. August des Jahres in Selm getauft. Nach seinen Brüdern Rudolph und Hugo war er der jüngste Sohn des Gutspächters Wilhelm Brüning und seiner Frau Christina, geb. Hagedorn. Die aus Westfalen stammenden Eheleute hatten sich 1834 auf Botzlar niedergelassen. Die Brünings waren über den Ort hinaus integriert und engagiert. Vater Wilhelm bewegte sich auf der Basis einer soliden beruflichen Ausbildung und suchte seinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg, indem er sich in seinem Fachgebiet offen auf die Seite des Fortschritts stellte. Als Sohn Georg geboren wurde, befasste sich das Unternehmen Botzlar gerade mit Gründung der ersten Ackerbauschule des Regierungsbezirks Münster. Neben dem Personal der Gutswirtschaft bevölkerten auswärtige Schüler, Lehrer und gelegentliche Besucher das Anwesen. Der jüngste Brüning verbrachte seine Kindheit in einer wohlhabenden, betriebssamen und bildungsorientierten Umgebung.

Schule, Studium und Berufsausbildung

Nach dem Abschluss des Gymnasiums in Warendorf, studierte Brüning  Rechtswissenschaften in Bonn, München, Heidelberg und Göttingen und „krönte“ seine Studien mit einer Promotion zum Doktor beider Rechte. Das Jurastudium war in diesen Tagen nicht nur Grundlage für eine Stelle bei der Justiz, sondern auch für eine Karriere im Staatsdienst. 1874 trat er nach bestandenem Staatsexamen ein Referendariat in Celle an.

Im selben Jahr verstarb der Vater. Gemeinsam mit seiner Frau Christina hatte Wilhelm Brüning im Mai 1871 ein Testament aufgesetzt, in dem zunächst bestimmt wurde, dass der Längstlebende von uns der Erbe des zuerst von uns verstorbenen sein soll. Nach dessen Ableben solle Hugo Brüning, der 1840 geborene „Mittlere“ der drei Brüder alleiniger Erbe sein und seinem 1836 geborenen älteren Bruder Rudolph zwei Positionen Bergwerksaktien übereignen. Hugo wurde verpflichtet seinem jüngsten Bruder Georg 5.000 Taler in bar zu zahlen und – bis Georg ein besoldetes Amt übernimmt – jährlich weitere 500 Taler. Die Eltern hatte klare zeitliche Vorstellungen von der Ausbildung ihres Jüngsten und bestimmten, dass die jährliche Zahlung ... aber in keinem Falle länger als bis zum 31. Dezember 1878 gezahlt werden soll. Damit wäre Georg für die absehbare Dauer seines Referendariats versorgt gewesen; er hätte sich aber keine Auszeiten leisten dürfen.

Wahl zum Ersten Bürgermeister der Stadt Beuthen

Georg Brüning diente ein Jahr als Soldat und verließ das Militär als Reserveleutnant. Im Juni 1880 wurde er nach bestandener Prüfung zum Gerichtsassessor ernannt. Bereits nach vier Monaten verließ er die Justiz und wechselte in die landwirtschaftliche Verwaltung. Mit Patent vom 27. Oktober 1880 wurde Brüning zum Regierungsassessor ernannt und seit 1. April 1881 als Spezialkommissar der Generalkommission zu Münster in Warburg beschäftigt.

1882 folgte der bisherige Erste Bürgermeister der Stadt Beuthen, Ernst Küper, dem Ruf in den Westen und wurde im April des Jahres als Bürgermeister der Stadt Krefeld bestätigt. Die freie Stelle im Osten schrieb der Stadtrat über im ganzen Land verbreitete Zeitungen aus. Man suchte Bewerber „vom anderen Ende Deutschlands“, die in der Regel nicht in den lokalen Systemen gefangen waren. Ein derartiges Vorgehen sollte Korruption und Vetternwirtschaft verhindern (Nadolski). Schließlich wählte die Stadtverordnetenversammlung den Regierungsassessor Dr. Brüning einstimmig für die gesetzliche Amtsdauer von zwölf Jahren zum Ersten Bürgermeister der Stadt und im Februar 1883 bat Innenminister von Puttkamer Kaiser und König Wilhelm I, Brüning im neuen Amt zu bestätigen. Über den damals 31jährigen berichtete der Minister:

Nach den über seine Persönlichkeit eingezogenen Erkundigung gilt derselbe als ein befähigter Beamter, der zu dem in Rede stehenden Communal-Amte qualificirt erscheint und gegen dessen dienstliches wie außerdienstliches Verhalten keinerlei Ausstellungen zu machen sind. Politisch gehört er der Centrumspartei an, ohne sich indeß an Agitationen in deren Sinne betheiligt zu haben.

Erhöhung des Amtstitels

1892 hatte die Provinz die erfolgreiche Amtstätigkeit registriert und regte an, dem mit 41 Jahren immer noch recht jungen Brüning den Titel „Oberbürgermeister“ zu verleihen. Innenminister Herrfurth folgte dem Antrag und begründete die Bitte gegenüber Wilhelm II: Georg Brüning habe sich als Erster Bürgermeister der Stadt Beuthen als ein ebenso befähigter, wie strebsamer und energischer Verwaltungsbeamter erwiesen. Das ihm anvertraute städtische Gemeinwesen erfreue sich unter seiner Leitung eines andauernden Aufschwunges, der sich an der Zunahme der Einwohnerschaft und der Vervollkommnung und Ausgestaltung der kommunalen Einrichtungen ablesen ließe. Brüning gehöre nach wie vor der Zentrumspartei an, halte sich jedoch von jeder Agitation fern. Mit den in Beuthen ansässigen Zivil- und Militärbehörden stehe er in gutem Einvernehmen. – Die städtischen Vertretungen sahen das über Jahrzehnte hin genauso; sie bestätigten Brüning noch zweimal, 1895 und 1907 für jeweils weitere zwölf Jahre im Amt.

Zeitgenössische Anerkennung

Georg Brüning-Platz in Bytom

Hinweistafel auf dem Georg-Brüning-Platz in Bytom.

Für seine Arbeit erhielt Georg Brüning mehrfach Auszeichnungen, darunter den Roten Adler Orden und das Ritterkreuz des päpstlichen Ordens des heiligen Gregor. Er verdiente sehr gut und die Stadt finanzierte ihm eine Villa in der heutigen Alei Legionów 4. Der Stadtrat hätte ihn gern als Bürgermeister auf Lebenszeit gesehen, aber der inzwischen 68jährige Brüning trat 1919 nach 36 Jahren aus Altersgründen zurück. Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt lebte die Familie noch in dem Haus mit dem Wappen von Bytom auf der Frontseite.

Nach neuesten Forschungen starb Brüning am 17. September 1932 und wurde am 21. September beerdigt.[2] Brüning war mit der 1865 in Warburg in Westfalen geborenen Dorothea Köhne verheiratet; das Ehepaar hatte zwölf Kinder. Wie es sich für Frauen ihrer sozialen Stellung gehörte, widmete sich Dorothea Brüning hauptsächlich den Aufgaben der Wohlfahrt. Nach 1945 bewohnte Brünings Witwe zwei Zimmer der Villa, wo sie 1950 verstarb.

Stimmen aus dem heutigen Bytom

In polnischen Publikationen erinnern die Autoren daran, dass sich während der Amtszeit Brünings das Gesicht der Stadt dramatisch verändert hat und die Stadt eine wahre Blütezeit erlebte. Damals erhielt Beuthen eine Strom- und Wasserversorgung und eine Kanalisation. Entlang der gepflasterten Straßen entstanden viele Prachtbauten. Viele mit geschmackvollen Reliefs, Wasserspeiern oder Skulpturen geschmückte Stadthäuser stehen noch als Teile der schönen Altstadt von Bytom. Das im neoklassizistischen Stil von dem Berliner Architekten Alexander Böhm entworfene Stadttheater beherbergt aktuell die Schlesische Oper. Zum Bauprogramm gehörten auch die von Karl Brugger mit markanten glasierten Ziegeln im Jugendstil gestaltete Realschule und ein Hygieneinstitut. Brüning kümmerte sich auch um den Erwerb neuer Flächen für Wohnbebauung. Nadolski sieht in ihm den Schöpfer der städtischen Form von Bytom, die wir heute bewundern können.

Oktober 2015, korrigiert nach Hinweisen von Piotr Obrączka im Januar 2016

Das andere Buch:

Piotr Obrączka: O Nadburmistrzu Brüningu i inne Szkice, Bytom 2015

Foto: dg

Obrączka beginnt seine biografischen Skizzen mit dem 1851 auf Botzlar in Selm geborenen Georg Brüning, der von 1883 bis 1919 (Ober-) Bürgermeister der oberschlesischen Stadt Beuthen, dem heutigen Bytom in Polen war.

Jubiläen und runde Geburtstage waren bis 1931 (80. Geburtstag) Anlässe, Brüning offiziell zu ehren. Damals berichteten die oberschlesischen Zeitungen in Wort und Bild. Im Buch befinden sich einige der alten Fotografien, u.a. eine Aufnahme, die den 75-jährigen Brüning mit seiner Frau Dorothea (*1865), dem Sohn Reinhold (*1894) und der Tochter Dorothea (*1905) zeigt. 

Repro: dg

Prof. Obrączka hat die Familie Georg Brüning erforscht und zahlreiche Details über das Ehepaar und die Kinder zusammen-getragen. Dem Ober- bürgermeister Brüning widmete Obrączka bereits in dem 2014 erschienen Buch "Zwischen Bytom und Opole" einige Seiten.




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[1] GStA PK, I. HA, Rep. 89, Geh. Zivilkabinett, jüngere Periode, Nr. 14511 Beuthen.
LAV NRW W – Kreisgericht Lüdinghausen II, Nr. 161 Testament W. Brüning.
Magdalena Nowacka-Goik, Bytom: Burmistrz Georg Brüning ma od dzisiaj swój plac – bytom.naszemiasto.pl – Quelle: Dziennik Zachodni, 23.01.2015.
Piotr A. Jeleń, Bytom znany i nieznany. Nadburmistrz Georg Brüning – wiadomości24.pl, 19.12.2012.
Przemysław Nadolski, Georg Brüning - wielce zasłużony nadburmistrz – życie bytomskie, 12.08.2015.
vdg – Internetportal der Deutschen in Polen: Beuthen: Stadtverwaltung ehrt Deutschen Georg Brüning – vdg.pl, 23.01.2015.
[2] Jeleń verweist auf Piotr Obrączka, Zwischen Bytom und Opole . Skizzen und Erinnerungen, 2014.

 
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