aktenlage
Zeitschrift für Regionalgeschichte Selm und Umgebung - ISSN 2366-0686

Radfahrerverein "Vom Stein" Cappenberg 1898[1]

Um 1900 waren es Vereine, die den Radfahrsport als Förderungsmittel einer naturgemäßen Lebensweise bekannt machten, Übungen und Fahrten veranstalteten und ambitionierte Radler zu Wettfahrten einluden. 1897 sah das „Jahrbuch der deutschen Radfahrvereine“[2] den organisierten Radler auf dem Weg „Zurück zur Natur“ und pries das Fahrrad als das zeitgemäßeste und bequemste Beförderungsmittel, ein „vernünftiges“ Gerät, das vor allem gesundheitsdienlich sei. 

Das Rad verwandle Stubenhocker und Bierphilister in wanderlustige und bewegungsfrohe Naturfreunde …, deren Kennzeichen sei, dass sie den Aufenthalt in geschlossenen Räumen nach Möglichkeit meiden … und die Stätte der Erholung ins Freie verlegen. Das Fahrrad ein Sportgerät, die Radler Sportler, die gelungene Radtour das Ziel. Das Jahrbuch gab Ratschläge zur angemessenen Kleidung und gesunden (vegetarischen) Ernährung, verdammte Alkohol- und Nikotingenuss und bejahte rundum die gesondert aufgeworfene Frage: Sollen Damen Radfahren? 

Im Juli 1886 gab es in Lüdinghausen eine Zusammenkunft benachbarter Radfahrer. Nach dem Bericht Lüdinghauser Volkszeitung waren die Vereine von Dortmund, Hörde, Mengede, Bochum, Dülmen, Coesfeld und Münster durch einige 40 Fahrer vertreten, von denen sich 28 an der Corsofahrt durch die Stadt betheiligten. Nach dem Mittagessen fuhren dieselben nach Nordkirchen, von wo sie gegen ½ 5 Uhr zurückkamen. Die Rückfahrt per Rad erfolgte gegen 7 Uhr.  

Im Amt Bork genehmigte Amtmann Busch am 14. Juli 1898 die Gründung des Radfahrer-Vereins „Vom Stein“ zu Cappenberg. Zu dieser Zeit gab es in der Nachbarschaft schon eine beträchtliche Zahl ähnlicher Organisationen. Neun Vereine zählt das genannte Jahrbuch allein für Dortmund (ohne Hörde), den ältesten, „RV Vorwärts“, aus dem Jahr 1880. Münster hatte zwei Vereine, den „RV“ von 1893 und den 1895 gegründeten „RC Schwalbe“. In Unna gab es seit 1893 den „RV Freiweg“ und in Werne führte ein Verein seit 1896 den programmatischen Namen „Über Berg und Tal“.[3] 

Lüdinghausen bekam 1884 einen Radfahrerverein ohne Namen, als dessen Vorsitzender J. Mühlenhoff genannt wird, bei dem man Fahrräder kaufen und unentgeltlichen Fahrunterricht (ca. 4 Stunden genügen) nehmen konnte. In Nordkirchen gab es noch keinen Verein, aber einen „Vertreter“ der guten Sache, den gräflichen Obergärtner J. M. Stadler. 

Die Cappenberger hatten der Ortspolizeibehörde die vorschriftsmäßigen Papiere eingereicht. Die Vereinssatzungen und eine Fahr-Ordnung lagen, vom Vorstand unterschrieben, vor. 

„Präses“ war Anton Heuser, er leitete die wöchentlichen Sitzungen, von denen jede erste im Monat eine „Hauptversammlung“ sein sollte. Jakob Wallner war stellvertretender Vorsitzender und Hubert? Dortmann Schriftführer. Dortmann führte das Mitgliederverzeichnis, hütete die Akten und sorgte für das Vereinsinventar. Albert? Böcker verwaltete als Kassierer das Vereinsvermögen, zog die Beiträge ein und zahlte nach gegengezeichneten Anweisungen Beträge aus. Der Vorstand behielt sich vor, jederzeit Einsicht in die Kassenverhältnisse zu nehmen. Zu den jeweils im Oktober stattfindenden Jahreshauptversammlungen hatte der Kassierer eine vollständige Rechnung vorzulegen. Der Verein unterschied eine ordentliche von einer außerordentlichen Mitgliedschaft und legte gleich im Paragrafen 2 der Satzung fest: Die ordentlichen Mitglieder dürfen nur Herrenfahrer sein. 

Was ein „Herrenfahrer“ ist, was ihn ausmacht, verrät die Satzung nicht. Ein Lexikon erklärt 1907, dass „Herren“ als Übersetzung des englischen gentleman zu sehen sei und sowohl dem „Reiter“ (rider) als auch dem „Fahrer“ (driver) vorangestellt wird, wenn die nicht berufsmäßige Ausübung des Sports gemeint ist. Damit sei die Vorstellung verbunden, dass die gesellschaftliche Stellung diesen „Amateuren“ erlaubt, ihrem sportlichen Vergnügen auf eigene Kosten nachzugehen. Kutscher, Rad- und Motorradfahrer konnten „Herrenfahrer“ sein, später auch die Automobilisten. Immer kennzeichnete der im 19. Jahrhundert gängige Begriff eine materiell oder sportlich herausgehobene Stellung. Folglich konnte nicht jeder, der sich auf dem Rad halten konnte, ein „Herrenfahrer“ sein. Wer in Cappenberg dabei sein wollte, hatte gemäß § 3 seinen Wunsch schriftlich anzuzeigen oder sich von einem Mitgliede vorschlagen zu lassen. Die Aufnahme fand aber erst nach zweimaligem Besuche der Vereinsabende durch Ballotage[4] statt. 

Fünftes Vorstandsmitglied war nach der Satzung der „Fahrwart“ Heinrich Leipzig, dem Heinrich Klönne als „Vize“ zugesellt wurde. Der Fahrwart leitete alle Übungen und Ausfahrten, seinen Anordnungen hatten die Teilnehmer unbedingt zu folgen. Eine „Fahr-Ordnung“ war Teil der Satzung und enthielt die Regeln für ein geordnetes Radeln in der Gruppe: 

  • Ein vom Führer bestimmter guter Fahrer muß stets den Schluss bilden.
  • Auf die weniger geübten Fahrer ist stets bei Ausfahrten Rücksicht zu nehmen.
  • Es muß stets rechts gefahren werden.
  • Beim Begegnen muß rechts, und beim Überholen links ausgefahren werden.
  • Beim Fahren in einer Reihe muß ein genügender, vom Fahrer zu bestimmender Abstand eingehalten werden.
  • Beim Bergfahren dürfen die Maschinen nicht losgelaßen und die Füße nicht von den Pendalen genommen werden.
  • Pferde dürfen niemals von mehreren Personen und auf beiden Seiten zugleich, ein durchgeführtes Pferd muß stets an der Seite des Führers passiert werden.
  • Beim Begegnen oder Einholen von Fußgängern, Fuhrwerken oder Reitern müssen dieselben durch Pfeifen- oder Glockensignale auf die Annäherung der Maschinen aufmerksam gemacht werden.
  • Beim Beginn der Dunkelheit muß die Maschine mittelst Laterne erleuchtet werden.
  • Die Trottoirs oder Promenaden dürfen zum Fahren nicht benutzt werden.
  • Die für die Abfahrt einer Tour festgesetzte Zeit muß pünktlich innegehalten werden, da auf Niemand gewartet wird der unentschuldigt ausbleibt.

Die zunehmender Popularität des Radsports fand auch in zeitgenössischen Postkartenmotiven ihren Ausdruck:




November 2019
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[1] Wenn nicht anders zitiert, folgt die Darstellung der Akte: StA Selm, AB-1 Nr. 399.
[2] Jahrbuch der deutschen Radfahrervereine 1897/98, Hrsg. Arthur Loewy, Berlin 1898. – digital.slub-dresden.de.
[3] Vgl. Susanne Maetzke, Das Fahrrad in Werne 1898-2014, in: Nachrichten aus den Stadtarchiv, Heft 4, Juli 2014. – ADFC, Kreisverband Unna, Erste Radvereine im Kreis Unna, adfc-nrw.de/kreisverbaende/kv-unna/ (28.05.2029) - Jahrbuch, a.a.O., S. 274.
[4] Ballotage: Geheime Abstimmung durch verdeckte Abgabe verschiedenfarbiger Kugeln. – Wikipedia

 
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