aktenlage
Zeitschrift für Regionalgeschichte Selm und Umgebung - ISSN 2366-0686

Kreis Lüdinghausen im Spiegel der "Zeitungsberichte"  
(1855-58) – Teil 1

Dieter Gewitzsch

Alle zwei Monate verfasste das Landratsamt  einen „Zeitungsbericht“ für die Regierung in Münster. Nach einem vorgegebenen Schema gab der Landrat Auskunft zu insgesamt 22 Punkten, von der „Witterung“ bis zu „Veränderungen im Ausland“. Es handelte sich dabei nicht um Tätigkeitsnachweise der Verwaltung, sondern um periodische Betrachtungen, die ein umfassendes Bild von den Verhältnissen im Kreis vermitteln sollten. Der Landrat sammelte und ergänzte, was man aus den „Zeitungsberichten“ der Ortsbehörden erfahren konnte. Es war die zweite Stufe eines Berichtswesens, das schließlich allerhöchste Stellen mit Informationen aus den Provinzen versorgte.[1] Das zu einer Zeit, in der es neben der Presse kaum andere, geordnet verfügbare Informationen über die Lage im Lande gab. 

aktenlage.net wertet die Zeitungsberichte in der Art eines Querschnitts für die Jahre 1855-1858 aus, in denen Lambert Rospatt und Franz Jakob von Hilgers das Landratsamt Lüdinghausen an Stelle eines gewählten Landrats verwalteten. Siehe dazu:
Bewährung auf dem platten Land   >>
Die Übergabe des Landratsamts Lüdinghausen (1856)   >>

„Witterung“

Mitte der 1850er Jahre war es wohl meistens der Blick zum Himmel, der die Menschen über die Wetterlage informierte. Und man schaute auf das Thermometer, dem oft einzigen Instrument zur Ermittlung von Wetterdaten. Systematische Beobachtungen oder regelmäßige Messungen sind nicht überliefert. Die Texte zur „Witterung“ führten auf, was dem Kreisbüro für den Berichtszeitraum wichtig war:

Im Frühjahr 1856 interessierte die Behörde, wie das Wetter die Feldarbeit und Gedeihen der Früchte beeinflusste: Die Witterung des Monats April war der Jahreszeit angemessen und zeichnete sich bei wechselnden Nord- und Ostwinde durch trockene Kälte aus, wodurch die Vegetation zurück gehalten wurde, und der Acker für die Bestellung der Sommersaat vorbereitet werden konnte. Der Monat Mai brachte dann warmes Wetter und steigerte sich die Hitze bis zu 21 Grad Reaumur [über 26°C]. Die hierdurch herbeigeführte große Dürre fing schon nachtheilig auf die Gewächse zu wirken an, bis am 24 u an den folgenden Tagen … Regen fiel welcher günstig auf die Saaten wirkte.[2]

Für Oktober/November registrierte der Bericht, dass der October … viele schöne und angenehme Herbsttage brachte und man sich von Mitte October bis zum 4. November stets warmer Tage [erfreute], verbunden mit kühlen Nächten. Der größere Theil des Monats November sei dagegen kalt, nebelig und regnerisch gewesen. Am 12. November sei der Regen in Schnee übergegangen und am 16, 17 und 18 … bei 1 Grad Kälte das Wasser gefroren.

„Schädliche Naturereignisse“

Heftige Regenfälle, starke Stürme und schwere Gewitter wurden vom Landratsamt seltener in der Rubrik „Witterung“ erfasst, sondern eher zu den „schädlichen Naturereignissen“ gezählt: Hagelschlag zerstörte die Felder und traten die Bäche und Flüsse über die Ufer, so richtete das Wasser auf niedrig gelegenen Wiesen und Ländereien einigen Schaden an. Am 27. November [1857] trat die Lippe aus wodurch die Schifffahrt auf einige Tage gehemmt wurde.

Neben dem Hochwasser nahm das Feuer einen breiten Raum in der Berichterstattung ein. Kaum ein Bericht, in dem nicht von Bränden die Rede war, die oft durch Blitzschlag verursacht wurden und bei denen nicht selten Menschen zu Schaden kamen. Für April/Mai 1857 meldete Landrat Hilgers drei unbedeutende Brände und für den Zeitraum Juni/Juli wusste er von vier Bränden zu berichten, wobei er bei zweien „Bemerkenswertes“ fand:

Es brannten nämlich am 6. Juli c. die bei der Stettiner National-Versicherungs-Gesellschaft versicherten Gebäude des Kolon Jücker zu Holthausen im Ksp. Werne, ab. Der Brand war böswilligerweise von der 16jährigen Margaretha B. dortselbst angelegt. Einige leichte Aeußerungen gegen ihre jüngeren Geschwister haben zur Entdeckung geführt, durch das eigene Geständniß vor dem Amtmann ist die That aber vollständig constatirt.

Beklagenswerther tritt indeß der am 24. d.M. Nachmittags ½ 3 Uhr auf dem Hofe des Kolonen Gühler in Ermen stattgehabte Brand hervor, wobei leider der alte Kolonatsbesitzer und seine Frau das Leben lassen mußten und 2 andere Personen so beschädigt wurden, daß die an den Brandwunden schwer erkrankt darnieder liegen. Die Entstehung des Brandes ist unbekannt geblieben. Das Wohnhaus der Gühler war nach altem Style mit Stroh gedeckt und so war es dann bei dem am 24. wehenden starkem Winde nur ein Augenblick und sämmtliche Gebäude standen in Flammen. Der alte Mann wurde beim Retten der Pferde so stark verbrannt, daß er am folgenden Tage starb, die Frau fand man beim Wegräumen der Balken im Schutte vergraben und fast ganz verkohlt. Eine Magd und eine Näherin sind stark vom Brande verletzt, sie werden indeß nach der Aussage des Arztes noch mit dem Leben davon kommen.

Meldung eines Brandschadens aus dem Amt Senden (Kampmann in der Bauerschaft Schölling) mit dem Vermerk des Landrats, den Vorfall in den „Zeitungsbericht“ aufzunehmen, LAV NRW, W - Kreis Lüdinghausen Nr. 37, Blatt 114. 

Dann brannte es in der Stadt Olfen und der Landrat fasste für den Zeitungsbericht zusammen, dass am 31. August, Nachmittags von 1 ½ Uhr bis Abends gegen 5 ½ Uhr ... bei Südwestwinde ... 89 bewohnte Häuser, 1 Laboratorium, 4 Brennereien und 48 Nebengebäude total abbrannten und durch die angestellten Löschungs-Arbeiten 4 Häuser erheblich beschädigt wurden. Die Gebäude seien versichert gewesen, aber nur 32 Haushalte hätten auch ihr Mobiliar gegen Feuersgefahr versichert. Ein fünfjähriges Kind habe einen Haufen ausgedroschenes Stroh durch ein Streichzündhölzchen in Brand gesteckt und so den Stadtbrand verursacht.

Immer wieder kamen Mensch und Vieh bei Gewittern zu Schaden. So wurden am 28. Juli unter einer Eiche in der Weise des Schulze-Pröbsting in der Bauerschaft Berenbrock ... [im Kirchspiel Lüdinghausen] 4 Rinder und 3 Kühe vom Blitz erschlagen. Betroffen waren sieben Eigentümer, die jeweils ein Tier auf der Weise stehen hatten. Die drei Kühe gehörten Tagelöhnern, was Amtmann Hülskötter zu der Bemerkung veranlasste, dass der Verlust die drei am empfindlichsten treffe, weil sie ohne die Mittel sind, sich eine Kuh wiederzukaufen.

In Lüdinghausen, unmittelbar am Hause Wolfsberg, fielen im August 1857 zwei Pferde, die einem mit Korn beladenen Wagen zogen, einem durchziehenden Gewitter zum Opfer. Der auf einem dieser Pferde sitzende Knecht wurde herunter- und einige Schritte davon geschleudert, ohne jedoch verletzt zu werden. In Selm schlug es in einem Kötterhaus ein und am selben Tag wurde zu Bockum eine auf dem Felde befindliche Frau vom Blitze getroffen und getödtet.

Manchmal gab es allerdings Zweifel, ob ein „Naturereignis“ den gemeldeten Schaden verursacht hatte. Als im Winter 1858 die Windmühle des Freiherrn von Beverförde in der Nähe von Ottmarsbocholt umfiel, wobei der auf der Mühle anwesende Müller Heinr. Heimann und Tagelöhner Hr. Steinkühler ihren Tod ... [fanden], während die ebenfalls anwesende Ehefrau Brockmann lebensgefährlich verwundet wurde, war sich der Berichterstatter nicht sicher, ob die Baulichkeit der Mühle oder irgend ein anderer Zufall den Umsturz veranlaßt hatte.[3]

„Mortalität“

Unter diesem Stichwort berichtete das Landratsamt über die Sterblichkeit im Allgemeinen und im Einzelnen über ernste Erkrankungen und Unfälle, bei denen Personen verletzt wurden oder starben.

Im Sommer 1856 waren die Masern mit Impfungen bekämpft worden und die Krankheit bekam keinen bösartigen Charakter. Schlimmer wurde es im folgenden Winter, als im Amte Drensteinfurt einige Kinder an Keuchhusten starben. Nervenfieber und sonstige rheumatisch-nervöse Fieber traten in der kalten Jahreszeit häufiger auf, forderten aber nur geringe Opfer. In Senden starb eine Person an Scharlachfieber. Im Frühjahr wurden ansteckende Krankheiten nicht bekannt. Dann erkrankten im Sommer in der Stadt Lüdinghausen ... 3 Personen an den Menschenblattern, woran eine Frau starb. Im Bericht vermerkte man erleichtert, dass diese verheerende Krankheit, deren Ursprung bis jetzt noch nicht zu ermitteln gewesen ist, ... sich nicht weiter verbreitet hat.

Zum Jahresende war dann vermehrt von Typhus, Ruhr und Pocken die Rede. Im Zeitungsbericht für die Monate Oktober und November widmete Landrat Hilgers den Erkrankungen einen größeren Beitrag als üblich: In Ottmarsbocholt seien in einem Haus gleich sieben Personen an Typhus gestorben, doch sechs weitere seien völlig wieder hergestellt oder befänden sich auf dem Wege der Besserung. Die Desinfection habe nach Vorschrift stattgefunden. Da es keine Anzeigen mehr gegeben habe schiene die Krankheit in besagter Gemeinde erloschen zu sein. In Ascheberg seien 32 Personen an der Ruhr-Krankheit gestorben, die auch in den Gemeinden Herbern und Bockum vorgekommen sei. Die Krankheit habe dort ebenfalls einige Opfer gefordert, sei aber nunmehr vollends erloschen.
An den bereits erwähnten Blattern erkrankten in der Stadt Lüdinghausen 21 Personen, von denen eine starb. Ein neuer Pockenfall wurde aus Drensteinfurt gemeldet und in Bork erkrankten 11 Personen von denen 4 starben. Hilgers sah die Krankheit im Allgemeinen fast erloschen, musste aber zwei Monate später aus sechs Kommunen noch elf Pockenfälle melden, von denen einer tödlich verlief. Zum Jahreswechsel hatten die Typhus-Erkrankungen in Ottmarsbocholt ... gänzlich aufgehört, dahingegen grassirte die Grippe im hohen Grade, welcher sich andere Brust- und nervöse Fieber zugesellten.

Unter dem Punkt „Mortalität“ wurde auch von Unfällen berichtet, die zu schweren Verletzungen führten oder tödlich verliefen. Gefahren für Leib und Leben lauerten an Wasserläufen und stehenden Gewässern. Zwei kleine Kinder ertranken in Wassergruben, von denen sich eine auf dem Hof eines Kötters in Olfen befand und offenbar nicht ausreichend gesichert war. In der Lippe bei Bork ertrank am 20. Dezember 1855 der Arbeiter Wilhelm Circel aus Altenbork. Die Rettungsversuche seien auf der Stelle herbeigeschafft worden aber fruchtlos geblieben, meldete das Landratsamt, und die Leiche habe man bisheran noch nicht wieder aufgefunden.

Immer wieder kam es zu tödlichen Stürzen aus Bodenluken. Die örtlichen Behörden wurden deshalb angehalten, die Sicherheit der Luken baupolizeilich zu überprüfen. Zum Jahresende 1855 berichtete das Landratsamt von einer erfolgreichen Revision der (Dach-)Bodenluken im Kreisgebiet.

In Herbern fand ein Mann seinen Tod unter einem einstürzenden Haus-Balken und im Amt Bork handelte es sich wohl um einen Arbeitsunfall, als einem Arbeiter ein Stück Holz auf den Kopf geworfen wurde. Der Hirnschädel sei dabei so verletzt worden, daß derselbe abgenommen und durch eine silberne Platte ersetzt werden mußte. Der Patient sei mittlerweile wieder arbeitsfähig. Die Flügel einer Windmühle verletzten einen Ackerknecht in Drensteinfurt so stark, dass der Tod bald folgte und in Werne hatte sich eine nicht zu dem Arbeiter-Personal gehörende Frau zu nah an eine in einem Privatraume aufgestellte Dreschmaschine herangewagt. Sie wurde von dem Triebwerke erfaßt und. ihr der untere Theil des Beins zermalmt.

Eine ständige Gefahr ging auch von den Feuerstellen in den Häusern aus. Im Herbst 1856 verbrannte in der Bauerschaft Sülzen Kirchspiel Olfen die 77jährige Wittwe Schnieder, während sie sich, am Herdfeuer sitzend, wärmte, und die Flamme ihre baumwollenen Kleider angriff. Die alte verunglückte Person war während dieses Vorfalles allein im Hause.

So beindruckend die Aufzählung unfall- und krankheitsbedingter Todesfälle auch sein mag, für die Kreisbehörde bewegte sich die „Mortalität“ rund um das Jahr 1857 in den gewöhnlichen Schranken und – wie der gerade ins Amt gekommene Landrat von Landsberg diese oft wiederholte Formel 1858 ergänzte – es starben meistens alte Leute und Kinder.

„Wohlstand im Allgemeinen“

Es lohnt sich, zum Thema Wohlstand den Zeitrahmen ein wenig zu dehnen und die Berichte Rospatts einzubeziehen. Beide Vertreter im Landratsamt, Rospatt und Hilgers, unterscheiden z.B., wie es den Landwirten im Vergleich zu anderen Gewerbetreibenden ging, in welcher Lage sich Handwerker und Arbeiter befanden, ob der wirtschaftliche Aufschwung auch die Tagelöhner erreichte und ob bei alledem die gering besoldeten Beamten vielleicht zu kurz gekommen sind.  

Die Erwerbsgrundlage der Landwirte bessert sich, schreibt Rospatt 1855, der Bauernstand wird mit jedem Tage wohlhabender und das läge an den fortwährend steigenden, enorm hohen Getreide- und Viehpreisen. Der Wohlstand der Bauern zeige sich theils in erfreulicher Weise durch Sparsamkeit an, wovon die bedeutenden Einlagen derselben in die Kreissparkasse Kunde geben, theils aber auch durch unvernünftigen, oft lächerlichen Luxus.

Schlechter sei dagegen die Lage der anderen Gewerbetreibenden und der Beamten, deren Arbeitsverdienste sich gegen früher nicht bessern. Wer auf ein fixes Einkommen angewiesen ist, dessen Wohlstand sei fortwährend im Abnehmen begriffen. Das Übel scheint sich noch verschlimmern zu wollen, ahnt Rospatt im Sommer 1855, es sei daher ein Glück, dass augenblicklich bei den Eisenbahn-, Bergwerks- pp Anlagen der Grafschaft Mark pp viel fleißige Hände gegen bessere Löhnung beschäftigt werden können, weshalb auch mancher geringe Handwerker diese Gelegenheit ergreift, um entfernt von der Heimath eine bessere Erwerbsquelle zu finden.

Später im Jahr erkennt Rospatt auch den Grund der zunehmenden Bettelei unverkennbar in der Theuerung aller Lebensmittel und die armen Bürger und die gering besoldeten Beamten sähen mit Sorgen dem nahen Winter [1855/56] entgegen. Bis in den Sommer 1856 hinein zeichnet Rospatt das gleiche Bild: Da sämmtliche Lebensbedürfniße noch immer in hohem Preise stehen, hebt sich der Wohlstand der bedeutenderen Landwirthe ... in sichtbarer Weise. Die Tagelöhner und geringeren Gewerbetreibenden sowie die gering besoldeten Beamten sind dagegen sehr schlimm gestellt.

Im Frühjahr 1856 hatte Rospatt der Bezirksregierung Verhandlungen über den Chausseebau von Selm nach Lünen eingereicht und die Gelegenheit genutzt, mit Hinweisen auf mögliche Beschäftigungseffekte für einen beschleunigten Baubeginn zu werben:

Es wäre gerade jetzt sehr wünschenswerth, daß die Entscheidung bald erfolgte, indem durch Inangriffnahme der noch nicht ausgebauten Strecke von Selm bis Bork der arbeitenden Klasse eine schöne Gelegenheit zum Broderwerb geboten werden könnte, wodurch die betreffenden Orts-Armen resp. Gemeindekassen zugleich vor allzu bedeutenden Aufwendungen für Unterstützungszwecke gesichert blieben.[4]

Im Herbst entspannte sich die Lage. Die Preise für Lebensmittel sanken und die Arbeiter fanden namentlich in Werne zu hohen Tagelohnsätzen bei den Schleusenbauten und an vielen Orten bei den Wegebauten Beschäftigung. Allerdings sei zu befürchten – so Rospatt –, dass die geringere Volksklasse im Winter ... überall dort wieder Mangel leidet, ... wo keine genügende Gelegenheit zum Verdienen vorhanden ist. Hilgers Einschätzungen entsprachen denen seines Vorgängers; er beschrieb eine weitgehend ausgeglichene Situation, die sich 1857 nicht mehr veränderte: In Werne sei man häufig um Arbeitskräfte verlegen und in Lüdinghausen, wo sich in der städtischen Feldmark ... ein Entwässerungs-Unternehmen von bedeutendem Umfange durch Anlage offenliegender Abzugsgräben in der Ausführung befände, seien fortwährend 10 Arbeiter beschäftigt. Außerdem böte die thätige Ausbesserung der Communal-Wege der arbeitenden Klasse Gelegenheit zum Verdienst, so daß die Lage derselben als erträglich bezeichnet werden dürfe.

„Landeskultur“

1855 sprach man von einem späten Sommer, der auch nass begann, dann aber sorgte eine günstigere Wetterlage für einen ziemlichen Ertrag und fast sämmtliche Früchte wurden gut eingebracht. Auch das Wiederausbrechen der Kartoffelkrankheit verlief glimpflich, die Schäden betrafen das Laub, die Knollen blieben gesund. Die vorteilhafte Witterung begünstigte schließlich die Bestellung der Äcker mit Wintersaat.
Und die Preise aller Consumtibilien[5] steigen fortwährend …
Da es in den Mitteilungen des Landratsamtes für das Jahr 1855 keine Hinweise auf drohende Ernteausfälle oder andere Mangelsituationen gibt, die für steigende Preise verantwortlich gemacht werden könnten, war vermutlich der wachsende Bedarf in den Industrierevieren der preistreibende Faktor. Die alte Regel, nach der schlechte Ernten die Produkte verteuern und umgekehrt reichliche Erträge für niedrigere Preise sorgen, verlor in diesen Jahren an Gültigkeit. 1856 und 1857 gingen durchaus gute Ernten mit hohen Preisen einher.

„Gewerbebetrieb“

Auch wenn das Landratsamt das Gewerbe im Kreis Lüdinghausen Mitte der 1850er Jahre als „unbedeutend“, „mittelmäßig“ oder nur von „lokaler“ Bedeutung einstufte, war die allgemeine Wirtschaftslage in dieser Zeit nicht schlecht. Aber die Wochenmärkte in Lüdinghausen und Olfen und der Krammarkt in Werne litten – wie es Rospatt ausdrückte –  wegen Mangels an Verkehr. Er meinte das im doppelten Sinne und vermutete, dass der mäßige Waren-„Verkehr“ auf den wöchentlichen Märkten auch an dem Mangel an gehörigen frequenten Verbindungsstraßen liegen könnte. Von der neuen Straße nach Castrop ...habe Lüdinghausen erst dann einen größeren „Verkehr“ zu erwarten, wenn eine Brücke über die Lippe gebaut wird, oder die Chaussee einen anderen Anschluß [Eisenbahn] oder Ausgangspunkt erhält. Der Lüdinghausener „Kirchmeß“ ging es da schon besser, ebenso dem dortigen Viehmarkt. Wie immer gut besucht wurde der Simon & Judae Markt zu Werne. Am 27. Oktober 1856 führte man in der Lippestadt 300 Pferde von mittlerer, 500 Kühe von guter und 2500 Schweine von sehr guter Qualität ... zum Markte. Der Umsatz soll bei hohen Preisen ziemlich bedeutend gewesen sein.

Während allgemein die Langsamkeit im gewerblichen Verkehr beklagt wurde, beschrieb man den Verkehr auf der Lippe als nicht unbedeutend und belebt bis sehr lebhaft. Im Frühjahr 1856 wurden die Arbeiten zur Erweiterung der Lippe-Schleusen in Werne aufgenommen.[6] Der Schleusenbau, der zwischenzeitlich die Schifffahrt sehr erschwert hatte, wurde im Sommer 1857 vollständig beendet. Das Landratsamt meldete sehr lebhaften Verkehr auf dem Fluss, bevor im August/September niedriger Wasserstand die Schifffahrt erneut behinderte.

Eines beständigen, guten Absatzes erfreuten sich in den Jahren 1855/56 die Eisenhütte Westfalia in Altlünen und die Bierbrauerei zu Cappenberg. Im Herbst 1856 berichtete Hilgers von der Absicht des Besitzers der Brauerei, Graf von Kielmannsegge, zum besseren Betriebe derselben eine Hochdruckdampfmaschine von 10 Pferdekraft nebst Kessel von 16 Pferdekraft aufzustellen. Im nächsten Bericht aktualisierte er die Meldung bereits: Die Bierbrauerei zu Cappenberg wird jetzt durch eine Hochdruckdampfmaschine betrieben. Zur gleichen Zeit errichtete der Maurer Zangerl in Bork eine Korndampfmühle.
Für die gesamte Berichtszeit galt, dass der Holzhandel reges Leben zeigt.
In der Bauerschaft Hassel im Kirchspiel Bork wurde 1856 von verschiedenen Eingesessenen nach Kohlen gebohrt. Bis Ende März hatte man eine Tiefe von 300 Fuß erreicht und war auf einen blaugrauen Mergel gestoßen, den man auch zwei Monate später noch in einer Tiefe von 700 Fuß fand. Anfang August 1856 schrieb Rospatt: Die Bohrversuche in Hassel, deren ich bereits früher erwähnte, haben aufgehört.

Im Frühjahr 1857 notierte Hilgers: Die Baumwollweberei wird seit neuerer Zeit hier in Lüdinghausen auf einigen Kotten betrieben und steht nun weitere Ausdehnung dieses Gewerbebetriebs zu erwarten.

„Öffentliche Stimmung“

Folgt man den fünfzehn Zeitungsberichten, die das Landratsamt in der Zeit vom Herbst 1855 bis zum Frühjahr 1858 schrieb, so war die „öffentliche Stimmung“ im Kreis Lüdinghausen immer „gut“. Zwölfmal gönnte man der Rubrik nicht einmal einen Satz, sondern begnügte sich mit der Nennung des Prädikats: 7. Öffentliche Stimmung. gut. 

LAV NRW W - Kreis Lüdinghausen Nr. 37, Blatt 123.

Zu Anfang seiner Zeit als Vertreter des Landrats gestattete sich Regierungsreferendar Rospatt einige weitergehende Ausführungen zu diesem Punkt. So sei die öffentliche Meinung auch im August/September 1855 stets gut gewesen, allerdings mit Ausnahme der Unzufriedenheit unter der Klasse der besitzlosen Tagelöhner über die Theuerung aller Nahrungsmittel. Und man wünsche allgemein die Erhaltung des Friedens. Bei den Urwahlen am 27 v. M. habe sich (trotz der ergangenen Aufforderungen zur Theilnahme)[7] eine sehr schwache Betheiligung gezeigt, namentlich auf dem Lande und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil die Landwirthe sich durch ihre Beschäftigung auf dem Felde abhalten ließen. Rospatt meinte schließlich: Das Resultat derselben ist ein sehr günstiges zu nennen, indem fast nur conservativ gestimmte Wahlmänner gewählt worden sind. Zwei Monate später fand der junge Beamte die Stimmung erneut „gut“, fügte aber seinem Bericht die folgenden Zeilen hinzu – die er dann wieder strich: Der patriotische Geist bleibt wirksam fortbestehen, es herrscht übrigens Verzagtheit, Theilnahmlosigkeit und Unzufriedenheit nicht selten unter den Bürgern, welche der anhaltenden Theuerung, sowie in der trüben Aussicht für den kommenden Winter ihren Grund haben mögen. Gleiches im Frühjahr 1856, als er zur Meldung von der „guten“ Stimmung schrieb: Man freut sich allgemein des Pariser Friedens. – Und die Zeile strich. Es war nur ein Mal, dass Rospatt etwas zur Stimmung schrieb, dann beließ er es in den nächsten fünf Berichten beim „gut“.

Auch Hilgers konnte im Kreis Lüdinghausen keine Stimmungsschwankungen erkennen; achtmal vergab er schlicht die Note „gut“ und nur einmal, im Frühjahr 1856, ergänzte er seine Bewertung: Die Vermeidung des Schweizerischen Krieges hat alle Gemüther freudig gestimmt. – Der Satz blieb stehen.

Zwei Jahre später hielt Landsberg die öffentliche Stimmung gar für „ausgezeichnet“. Dann bremste er den verbalen Überschwang, strich „ausgezeichnet“ und schrieb – „gut“.

LAV NRW W - Kreis Lüdinghausen Nr. 37, Blatt 123.

„Wohltätigkeit und Menschenliebe“

In jedem Bericht notierte das Landratsamt, dass „Wohltätigkeit und Menschenliebe“ fortwirken, was auch heißen mochte: Die monatlichen Unterstützungen armer Familien aus den Armenkassen dauern fort. Es folgte die Aufzählung von Zuwendungen, meist Legate zu Gunsten der Armenkassen oder der Hospitäler, und Hinweise auf die erbrachte Leistungen für die Hilfsbedürftigen.

1855 erhielt der Armenfonds in Nordkirchen 200 Taler aus dem Vermächtnis eines Krämers. In Lüdinghausen vermachte die am 4. Dezember 1856 verstorbene unverehelichte Catharina Schürmann ... dem Armenfonds der Stadt ... ihren ganzen Nachlaß zum reinen Werthe von zirka 300 Talern und der am 29. November 1856  verstorbene Bürger Albert Epping hinterließ den hiesigen städtischen Armen ein Kapital von 200 Talern. Ungenannt blieb ein Seppenrader, der 1858 dem Armenfonds 200 Taler zukommen ließ.

Das St. Marien-Hospital in Lüdinghausen erfreue sich bereits einiger frommsinniger Vermächtnisse, schrieb Hilgers im November 1856,  welche mit Hülfe milder Beiträge den wohlthätigen Einfluß dieser menschenfreundlichen Stiftung für die Zukunft sichern werden. Ein Jahr später nahm Pfarrer Rohling sein 50jähriges Priesterjubiläum zum Anlass, dem hiesigen St. Marien-Hospitale 200 Taler zu schenken. Rohling bedachte außerdem allen Armen in der Stadt und Landgemeinde [Lüdinghausen], welche fortlaufende Unterstützung erhalten, sie erhielten pro Kopf 10 Silbergroschen (etwa den Tagessatz für einen Tagelöhner im Straßenbau). Anfang 1858 wurde Graf Droste Erbdroste zu Vischering als Spender genannt, der dem St. Marien-Hospital 100 Taler zukommen ließ.

Nur einmal findet sich der Begriff Privat-Wohltätigkeit, der im Sommer 1855 das Engagement von Landwirten bezeichnete, die „geringe Einwohner“, die unter den hohen Lebensmittelpreisen litten, nach Kräften unterstützten.

In den Wintermonaten wurden die Armen mit Brennmaterial unterstützt. Der Armenvorstand zu Olfen besorgte im Winter 1856/57 aus Armenmitteln 134 Scheffel Steinkohlen zur Verteilung unter den Bedürftigen. Den Armen der Stadt Werne schenkte Freiherr von Romberg auf Brünninghausen in dieser Zeit jährlich 80 Berliner Scheffel Kohlen und Graf von Kielmannsegge zu Cappenberg beteiligte sich mit mehreren hundert Buschen [Brennholz]; 1858 sollen es tausend gewesen sein.

In den Gemeinden wurde im Spätsommer 1857 für die Abgebrannten zu Olfen und Vreden gesammelt und die Bewohner haben – wie Hilgers es ausdrückt – das Ihrige ... gethan, und neuen Beweis für ihre Mildthätigkeit geliefert. Im November war die Collecte für Olfen noch im Gange, aber im Landratsamt sah man die Sammlung schon nicht so reichlich ausfallen, wie gehofft wurde und vermutete, dass dieses seinen Grund in der großen Inanspruchnahme der Leute ... hatte, welche durch die vielen Collecten herbeigeführt wurde.

Im Regierungsbezirk Münster wurden 1857 fünfzehn Sammlungen abgeschlossen, sechs „feststehende Kollekten“ und neun „außergewöhnliche“, bei denen im Kreis Lüdinghausen 1.063 Taler gespendet wurden. Im gesamten Bezirk kamen in diesem Jahr 11.703 Taler zusammen. Die Sammlung für „Abgebrannten“ in Olfen ist in der Summe noch nicht enthalten, weil die Kollekte erst im folgenden Jahr abgeschlossen wurde. 1858 wurden im Bezirk 23 Sammlungen mit einer Gesamtsumme von 34.580 Talern nachgewiesen. Im Kreis Lüdinghausen betrug das Spendenaufkommen 2965 Taler. Die größten Einzelposten betrafen die „Brandbeschädigten“ zu Vreden und Olfen. Für Vreden wurden im Regierungsbezirk Münster 12.553 Taler gesammelt und für Olfen 8.298 Taler. Nicht überraschen dürfte, dass im Kreis Lüdinghausen mit 1.000 Talern für Olfen deutlich mehr gespendet wurde als für die im Kreis Ahaus gelegene Stadt Vreden  (536 Taler).[8] 

(Januar 2019 - wird fortgesetzt)
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[1] Vgl. Kahmann, Uli, Manuskript eines Hörfunkbeitrags, Sendung: 1. Dezember 1998, WDR 3, “Am Abend vorgestellt”: Zeitungsberichte waren auf allen Ebenen der Behördenhierarchie fällig, wobei die jeweils höhere Stelle aus der Vielzahl der eingegangenen Mitteilungen ein Konzentrat zusammenstellte, das mit den Parallelberichten der gleichrangigen Ämter wiederum eine Stufe weitergeleitet wurde. So entstand eine lückenlose Kette abnehmend redundanter Berichte vom untersten Distrikt bis hinauf zur Bezirksregierung. Die Quintessenz dieser Mitteilungen erreichte schließlich die Hauptstadt des Reichs.
[2] LAV NRW W – Kreis Lüdinghausen Nr. 37. – Wenn nicht anders zitiert folgt der Text dieser Akte.
[3] Die Ursprünge der Ottmarsbocholter Windmühle liegen im 16. Jahrhundert. ... Das heutige, in Form einer Holländer-Windmühle errichtete Gebäude, stammt aus dem Jahr 1858. Ein Sturm hatte die alte Mühle zum Einsturz gebracht, die dabei zwei Menschen unter sich begrub. - Dietrich Harhues, Wohnen in einem Wahrzeichen, in: Westfälische Nachrichten vom 2.10.2016.
[4] LAV NRW W – Regierung Münster, Abt. II Fach 13 Nr. 92. Schreiben vom 11.03.1856.
[5]
Waren, die verbraucht, besonders verzehrt werden – Pierer's Universal-Lexikon, Band 4. Altenburg 1858, S. 405. Permalink: zeno.org/nid/20009715991.
[6] Damit
trug man der Transportentwicklung und dem Wusch von Industrie und Schifffahrtsunternehmen Rechnung und baute die Schleusen Beckinghausen, Werne und Stockum auf die größeren Maße /120 x 20 Fuß) um, so dass nunmehr die durchgängige Passage für Großsegler von Wesel bis Hamm möglich war. – Werner Koppe, Die Lippewasserstraße, Kalkar/Bielefeld 2004, S. 162.
[7] Einschub, Ergänzung des ursprünglichen Textes.
[8] Nachweisung der abgeschlossenen Kollekten für die Jahre 1857 und 1858, Amtsblatt der Regierung Münster für die Jahre 1858 und 1859.

 
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