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Zeitschrift für Regionalgeschichte Selm und Umgebung - ISSN 2366-0686

Hermann Landois

*19. April 1835, †29. Januar 1905 – von 1862 bis 1865 Lehrer auf Botzlar 

Dieter Gewitzsch

Abb., s. unten

Als Hermann Landois mit gerade mal 27 Jahren vom Direktor der Ackerbauschule, Wilhelm Brüning, als Lehrer für Naturwissenschaften eingestellt wurde, stand er am Beginn seiner Karriere. Der Neue konnte ein Studium der Theologie und der Naturwissenschaften vorweisen, hatte 1859 die Priesterweihe empfangen und war seit 1860 für nicht ganz zwei Jahre Hauslehrer. In diese Zeit fällt seine erste Veröffentlichung. Sie trägt den Titel „Über die Lautäußerungen der Insekten“.[1]

Zahlreiche Schriften stellen uns Landois als Zoologen, niederdeutschen Mundartdichter, bedeutenden Naturkundler, als Gründer des Zoologischen Gartens in Münster oder schlicht als westfälisches Original vor. Allein über seine Tätigkeit an der Ackerbauschule Botzlar finden sich die immer gleichen Aussagen: Man erfährt, dass auf Botzlar nur im Winter unterrichtet wurde und Landois ein halbes Jahr Ferien [hatte], die er zu ausgedehnten Reisen und … [1863 zu] Studien an der Universität Greifswald benutze, wo sein Bruder Leonhard als Privatdozent wirkte.[2] Zeit genug, um im August des Jahres in Greifswald zu promovieren. Ein Jahr später legte er an derselben Universität das Staatsexamen ab, das ihn zum Unterricht an Gymnasien berechtigte[3]. Dieser Berufung folgend, verließ Landois 1865 Botzlar und wechselte an das Paulinum in Münster.

Die Darstellungen greifen vermutlich auf das zurück, was ein gewisser Frans Essink in plattdeutscher Sprache über das Leben und Treiben des „Dr. Hermann Landois“ zu erzählen weiß. Hinter den munteren, anekdotisch anmutenden Texten steckt niemand anderes als Landois selbst, der als Erzähler den Spieß umdreht und seine Romanfigur Essink erzählen lässt, was der Autor getrieben hat und was ihm widerfahren ist. So ist im Kapitel 21 „Up de Ackerbauschole“[4] nachzulesen, wie Lehrer Landois den Sommer verbrachte:

"Der Unterricht war bloß Wintertags. Im Sommer hatten die Eleven genug auf dem Acker zu tun und zu lernen.
So hatte dann der Magister über ein halbes Jahr frei. Er benutzte diese Zeit für große Reisen nach Paris, London, Schweden, Norwegen, Kopenhagen usw. Die meiste Zeit brachte er in Greifswald zu, wo sein Bruder Privatdozent der Physiologie war. Da hörte er Vorlesungen an der Universität, und er hat dann auch zum Doktor promoviert und das philologische Staatsexamen gemacht. Wenn er das auch nicht nötig hatte, so hat es ihm doch in späteren Zeiten, als er Ärger mit seinen Confratres-Papen kriegte, viel genützt. Der Mensch kann niemals zuviel lernen."  (Übertragung: dg)


Was plattdeutsch verfasst gemütlich daherkommt, dass weggejagte Pennäler, verlotterte junge Kaufleute und selbst degradierte Leutnants Zuflucht im landwirtschaftlichen Studium suchten und angenommen wurden, war ein ernstes Problem. Auch auf Botzlar sah man sich immer wieder vor die Frage gestellt: Haben wir unsere Zielgruppe verfehlt?  

Weniger beachtet scheint Kapitel 23 zu sein. Die Geschichte handelt von Eselsfahrten nach Cappenberg, die immer dann angesagt waren, wenn up Botzlar bi Dr. Landois Früemdenbesök kamm.[5]


Fand man auf Botzlar ein Mittel gegen die Lungenseuche bei Rindern?

Landois‘ Beitrag zur Abdeckung des Unterrichts an der Ackerbauschule war offenbar so bemessen, dass er weiterhin wissenschaftlich arbeiten und publizieren konnte. Gemeinsam mit dem Tierarzt Heinrich Langenkamp aus Olfen veröffentlichte er 1865 ein Buch über „Die Lungenseuche des Rindviehes“.[6]

Mitautor Langenkamp unterrichte schon länger an der Ackerbauschule. Nach seinem Studium an der Thierarznei-Schule in Berlin trat er 1858 als Thierarzt I. Klasse in die Praxis seines Vaters ein und löste im gleichen Jahr den Senior als Lehrer für Tierheilkunde ab. Brüning begrüßte den Generationswechsel, weil nicht nur die Befähigung des Langenkamp jun. als Lehrer eine bedeutendere ist, sondern derselbe auch … im Stande ist, den Unterricht regelmäßiger abzuhalten, als dies bei der übermäßigen Inanspruchnahme seines Vaters der Fall sein konnte.[7]

Den aktuellen Anlass zur Studie über die „Lungenseuche“ schilderten die Autoren so: Bisher hatte man in Westfalen nur sporadisch auftretende Fälle der Seuche verzeichnet, bei denen wenige Tiere zu Grunde gingen. Auf dem Gut Botzlar schien die Krankheit dagegen im Sommer 1865 größere Dimensionen anzunehmen. Der ganze Rindviehbestand erkrankte und auf den benachbarten Gehöften [kamen] ebenfalls Erkrankungsfälle vor. Eine erprobte Therapie stand den Tierärzten noch nicht zu Verfügung. Manche beließen es bei der trostlosen Auskunft, dass die Seuche schon aufhört, „wenn Sie ihr letztes Stück Rindvieh begraben haben.“ Andere priesen wirkungslose Medikamente an oder wussten gar von „Geheimmitteln“.

Was für den Unternehmer Brüning entmutigend war, spornte die beiden Wissenschaftler an: Wir arbeiteten rüstig vorwärts, schreiben sie in ihrer Einleitung: Wir stellten chemische und mikroskopische Untersuchungen über den Bau der kranken und gesunden Lungen an, und suchten die gemachten Erfahrungen cellularpathologisch auf die Behandlung des kranken Viehs anzuwenden. Die Mühe ist nicht vergeblich gewesen:

Die 58 Seiten starke Abhandlung war bei strengster Wissenschaftlichkeit auch gedacht, den Viehbesitzer in den Stand zu setzen, die Lungenseuche zu erkennen, zu verhüten und zu heilen. Es sei eine Gemeinschaftsarbeit gewesen betonen die Verfasser, die beste Befriedigung darin fanden, ein Heilmittel gegen die Lungenseuche aufgefunden und hier niedergelegt zu haben. Beide bedankten sich schließlich noch bei dem Botzlar-Schüler Fr. Hachenei, der mit unermüdlicher Sorgfalt über die Ausführung unserer Vorschriften für das kranke und genesende Vieh gewacht hat.

Landois und Langenkamp erzählen in ihrem Buch auch die „Krankheitsgeschichte auf dem Gute Botzlar“, die Anfang Juli 1865 damit begann, dass sie von Brüning beauftragt wurden, eine erkrankte Kuh zu untersuchen. Die Symptome deuteten auf Lungenseuche und man verständigte sich darauf, das Tier zu schlachten. Die anschließende Obduktion beseitigte die letzten Zweifel. Binnen weniger Tage waren alle Rinder erkrankt. Die beiden Tierheiler verabreichten dem kranken Vieh Pottasche und Teerwasser und nahmen auch Impfungen mit der Lymphe infizierter Tiere vor. Mitte September konnten sie „das sämtliche Vieh“ als geheilt betrachten. Ihren Leser empfahlen sie: Wo also in der Folge sich die Lungenseuche zeigt, greife man gleich zur Pottasche und gebe dieselbe dem inficirten Vieh ein; auch dann wird der Erfolg ein günstiger sein.

Bereit, über Grenzen hinweg zu helfen

Landois war von dem Wert der gefundenen Heilmethode so überzeugt, dass er bei Ausbruch der Seuche in England unverzüglich Kontakt zu den dortigen Behörden aufnahm:

Er habe aus den Zeitungen erfahren, dass jetzt auch London von dieser Seuche heimgesucht werde, schrieb Landois und berichtete, dass während des Sommers in Westfalen und besonders auf unserm Gute Botzlar die Lungenseuche gewütet habe. Man sei bestrebt gewesen, die Natur dieser Seuche mit allen möglichen Mitteln zu erforschen und ein Gegenmittel zu finden: Unsere Arbeiten waren vom besten Erfolg gekrönt. Ganz Wissenschaftler wollte Landois erst sicher sein, dass die Londoner Seuche identisch mit der unsrigen ist, bevor er den Engländern seine Heilmethode andiente. Er stellte nicht weniger als acht präzise Fragen und bat, diese von einem Anatomen oder Tierarzt beantworten zu lassen. 

In London zog die Gesundheitsbehörde Professor Simonds vom „Royal Veterinary College“ zu Rate, der mitteilen ließ, dass es sich in England um die „wahre Rinderpest“ handle und nicht – wie angenommen – um „Pleuropneumonie“, das erübrige die Beantwortung der Fragen. Landois nutzte die Klarstellung zu der abschließenden Frage, welche Krankheit verheerender sei und stufte die „Lungenseuche“ als das größere Übel ein. Die „wahre Rinderpest“ trete viel seltener auf; es gäbe aber kein Jahr, in dem die Lungenseuche nicht eine ungeheure Anzahl von Rindvieh zum Opfer fordere. Die Statistik bezifferte den jährlichen Schaden auf zwei bis vier Millionen Thaler. Wir hoffen, schlossen Landois und Langekamp ihre Ausführungen, dass es nach unseren speciellen Vorschriften in der Folge gelingen wird, die Lungenseuche völlig auszurotten. 

Juli 2018
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[1] Klaus Heckmann, Landois als Zoologe und Pädagoge, in: Jakobi / Sternberg (Hg.), Hermann Landois (1835-1905), Kleine Schriften aus dem Stadtarchiv Münster, Band 8, Münster 2005, S.33.
[2] „Hermann Landois“ – Beitrag im Dichter-ABC, Literaturkommission Westfalen, literaturportal-westfalen.de, 03.02.2018.
[3] Heckmann, a.a.O., S.34.
[4] Frans Essink, V: Epischer Teil. Univ.-Prof. Dr. Hermann Landois, Leipzig 1900. S. 53ff.
[5] Essink, a.a.O., S.57.
[6] Hermann Landois, Heinrich Langenkamp, Die Lungenseuche des Rindviehes, Leipzig 1865. – Wenn nicht anders zitiert beziehen sich die folgenden Ausführungen auf diesen Text. – google.books.
[7] GStA PK I. HA, Rep. 164 A, Nr. 61 Bde. 2+3, Landesökonomiekollegium – Bericht vom 25.10.1858.

 
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