aktenlage
Zeitschrift für Regionalgeschichte Selm und Umgebung - ISSN 2366-0686

Schwierige Adressaten – 

Zeitgenössische Blicke auf die Bauernwirtschaften des Münsterlandes
1836-1850

Dieter Gewitzsch

Die Landwirthe in Westfalen wohnen einzeln auf abgesonderten Höfen, jeder Bauer in der Mitte seiner Besitzungen, … jede Familie auf sich selbst beschränkt, fern von dem Beispiele des Bösen. Johann Nepomuk von Schwerz[1], der 1836 den praktischen Teil einer „Beschreibung der Landwirtschaft in Westfalen“ veröffentlichte, schilderte die durchaus räumlich zu verstehende Bildungsferne der Menschen. Die isolierte Lage der Höfe bewahre zwar Fleiß und Häuslichkeit und schütze auch die Sittlichkeit, sie hindere aber ebenso die geistigen Fortschritte der Bewohner:

Die Kinder müssen oft Stunden weit zur Schule gehen und verlieren, da sie nur wohl zuerst in ihrem neunten Jahre dahin geschickt werden können, die beste Zeit zu ihrem Unterricht. Die Familie selbst sieht und hört die Woche über nichts Neues. Keine neue Idee dringt sich ihnen auf; keine Mittheilung bietet sich dar; keine Liebe zum Besseren wird in ihr rege. Ihr Gang dreht sich daher ewig in dem nämlichen Kreise herum. Nur der schlechtere Landwirth läßt sich Sonntags in der Schenke sehen, und das Neue, was er da auffaßt, ist bekanntlich nicht das Bessere.[2]

Als Regierungsrat in preußischen Diensten mit Sitz in Münster bereiste Schwerz zwei Jahre die Provinz, um über bäuerliche und landwirthschaftliche Verhältnisse Bericht zu erstatten.[3] Das Innenministerium hatte ihn auf Vorschlag von Albrecht Daniel Thaer berufen, in dessen „Möglinschen Annalen“ er seine Beobachtungen und Empfehlungen zuerst veröffentlichte, bevor sie fast zwanzig Jahre später in der genannten Ausgabe erschienen. 1836 waren die vor etlichen Jahren gewonnenen Einschätzungen nach wie vor aktuell und lebten ihrer Tendenz nach in den Einschätzungen des westfälischen Oberpräsidenten Vincke fort, dessen Denkschrift aus demselben Jahr[4] davon ausging, dass vor allem … die landwirthschaftliche Intelligenz und Betriebsamkeit der Ackerbauer vermehrt werden [müsse].Theorie und Praxis seien nicht gleichmäßig fortgeschritten. Gerade in Westfalen, wo große Güter nur als seltene Ausnahmen vorkommen, habe die große Masse der kleinen Wirthschaften am wenigsten am Fortschritt teilgenommen. Man beharre auf den alten Standpunkten, schleppe sich in alten Geleisen fort und das besonders dort, wo die sporadische Zerstreuung der Bauernhöfe ... deren Bewohner isolirt [und] ihre geistige Kultur beschränkt. Es werde schwer sein, den Sinn für Verbesserungen zu wecken und einer Veränderung Eingang zu verschaffen. 

Weitere zehn Jahre später war es Alexander von Lengerke, der diesmal im Auftrage der gerade gegründeten Landesökonomiegesellschaft eine allgemeine kurze und übersichtliche Kunde … der Landwirthschaft verfassen sollte. 1847 erschien sein Blick auf die Bauernwirthschaften des Münsterlandes

Lengerke hatte Kontakt zu dem inzwischen entstandenen „Netzwerk“ der Besitzer größerer Bauerngüter und den noch wenigen Gutsbesitzern, welche sich selbst mit der Landwirtschaft befassten. Von diesen Leuten, zu denen Lengerke auch Wilhelm Brüning auf Botzlar zählte, gingen hauptsächlich die Fortschritte aus, welche im Wiesenbau, Anbau von Futterkräutern, Cultivirung wüsten Bodens, in der Holzcultur u.s.w. gemacht wurden. Der kleinere und geringere Landmann sei dagegen wenig geneigt und bei beschränkten Mitteln auch häufig außer Stande, etwas zu leisten. Allgemein stünde der Westfälische Landmann an Fleiß, Geschick und Aufmerksamkeit hinter keinem Andern zurück und ergreife gern dasjenige, … von dessen Ausführbarkeit und Einträglichkeit er volle Ueberzeugung erlangt hat.[5]

Im Kreis Lüdinghausen findet Lengerke denselben Fleiß bei der landwirthschaftlichen Bevölkerung, denselben Grad allgemeiner Sittlichkeit, aber auch in der höheren geistigen Ausbildung des Landmannes ähnliche Mängel, wie … im ganzen Münsterlande. Verständige Männer sähen das so:

Da der Vater seinen Sohn selten über die Grenzen seiner Bekanntschaft hinaus zur Ausbildung in seinem Fache schickt, da der Bauer keine Anleitung und Aufmunterung zum Studium landwirthschaftlicher Schriften erhält, dabei auf seinem Hofe ganz allein wie abgeschlossen von der übrigen Welt lebt und nur Sonntags andere Menschen zu Gesichte bekommt – so ist wohl gesunder Menschenverstand, aber sehr wenig Intelligenz bei ihm zu finden. Dagegen ist der moralische Zustand der hiesigen ländlichen Bevölkerung … vortrefflich und daran habe das isolierte Wohnen der Landleute gewiss keinen geringen Anteil.[6]

Auf die Kleigegenden im östlichen Münsterland blickend, macht Lengerke zwei Übelstände für den erschwerten Weg zum Reinertrag verantwortlich: 1) werden zu viele Zugthiere und nur Pferde gehalten; 2) sind Speise und Trank zu gut und übermäßig; hier könnten die Münsterländer von den Paderbornern lernen. Manche Landwirthe verschaffen sich Gesinde aus dem Paderbornschen, weil das hiesige zu verwöhnt ist.

Die mehrfach gerühmten sittlichen Zustände relativiert Lengerke: Sie würden im Allgemeinen noch besser sein, wenn der Branntwein nicht auch hier – wie überall – zu viel Eingang gefunden hätte. Und die isolierte Lage habe einen entschiedenen Einfluss auf den Charakter der Menschen gehabt: 

Der Münsterländer ist ein ehrlicher, guter, zwar etwas derber, aber biederer Schlag Leute von altem Schrot und Korn, zuverlässig – ein Mann, ein Wort! – der neuern Abgeschliffenheit, aber auch der Aufklärung der Jetztzeit – des Vielwissens, daher Halb- und Nichtwissens – entbehrend. Die Geistlichkeit steht bei ihm überall in großem Ansehen; einige tüchtige Geistliche gebrauchen ihren großen Einfluß zur Beseitigung von Vorurtheilen und Abschaffung von Mißbräuchen, nachtheiligen Volksgewohnheiten, häufigen Tanzgelagen und nächtlichen Schwärmereien, unmäßigen Ausgaben bei Kindtaufen, Hochzeiten etc. Aus Allem, was man hier hört und sieht, ergiebt sich am Ende, daß die landwirthschaftlichen Fortschritte der Münsterländer vornehmlich durch zwei Grundursachen niedergehalten werden: einmal dadurch, daß, wie schon früher bemerkt, derselbe zu sehr an der Scholle klebt, daß der Vater seine Söhne nicht vom Heerde und in anderen Wirthschaften dienen läßt; dann aber, daß es im Ganzen an practischen Beispielen rationeller Wirthschaftsführung, an Gütern, wo ein rationeller Ackerbau betrieben wird, fast ganz fehlt.[7]

Die letzte Bemerkung zielt auf die Vorstellung, man könne den Nutzen moderner Verfahren in „Musterwirtschaften“ ohne theoretischen Ballast an praktischen Beispielen erfahrbar machen. Während Vincke diesem Vermittlungsweg mit Skepsis begegnete, wusste Lengerke von Betrieben, die durch Vorbild und Lehre in einer Reihe von Jahren ungemein viel bewirkt hätten.[8] Diese Leute beschränkten sich nicht auf die Leitung ihrer Betriebe, sie engagierten sich in Vereinen, bekleideten öffentliche Ämter, wurden in Vertretungen gewählt, verfassten gelegentlich Schriften, besuchten Treffen und kannten sich wohl untereinander, so dass von einem „Netzwerk“ derer ausgegangen werden kann, die sich der besagten „rationellen Landwirtschaft“ verschrieben hatten, wie sie in Preußen von Albrecht Daniel Thaer wissenschaftlich begründet wurde.

Andere setzten auf die Einführung eines landwirtschaftlichen Unterrichts an den Volksschulen, namentlich den „Landschulen". Im Mai 1850 verlangten die Befürworter eines solchen Unterrichts auf einem Kongress in Berlin[9], dass die Volksschule eine angemessene Vorbildung auf den künftigen Lebensberuf ertheilen soll. Die Gegenseite fand es einleuchtender, von der allgemeinen Schule nur in beschränktem Maße die Vorbereitung für Lebensberufe, bei denen es vorzugsweise auf praktisches Geschick und mechanische Fertigkeit ankömmt, zu erwarten. Also wurde über den Anteil debattiert, den die Vorbildung des künftigen Landmannes einnehmen dürfe. Man fragte nach geeigneten Unterrichtsgegenständen, wie es um die Befähigung der Lehrer steht und welche Lehrmittel erforderlich sind.[10]

Der Direktor des Hauptvereins Münster, von Brandenstein, erinnerte daran, dass in seinem Bezirk schon vor fünfzig Jahren der Industrie-Unterricht (… Handarbeiten, Nähen, Stricken, Korbflechten etc.) eingeführt wurde und die Anweisung bestand, auch die ersten theoretischen Grundsätze des Ackerbaus zu unterrichten. Den Industrieunterricht gäbe es noch in den meisten Volksschulen, aber der Unterricht im Ackerbau sei mittlerweile gänzlich in Vergessenheit gekommen. Nach seiner Auffassung sei Ackerbau (die Oekonomie) eine Wissenschaft so gut wie Geographie, Naturgeschichte und jede andere und die Volksschule sei nicht dazu da, im landwirtschaftlichen Unterricht aus Schuljungen … Ackerwirthe zu machen. Den Effekt sah Brandenstein woanders und verfiel rhetorisch in ein bekanntes Muster: Es könne sich nur darum handeln, die Schüler dem Stumpfsinne, mit welchem sie der Heerde und dem Pfluge des Vaters folgen, zu entreißen, und sie an eine Vernünftige Anschauung und an ein fruchtbares Nachdenken über Ursachen und Wirkungen zu gewöhnen.[11]

Wie ein „roter Faden“ zieht sich die Erzählung vom kernigen Landmann durch die Beschreibungen. Mit ihren markanten Motiven muss die Story von den sittsamen, bildungsfernen Bauern für Begründungen und manchmal zur Entschuldigung herhalten. Die im Regierungsbezirk Münster zu gründende Ackerbauschule wurde geradezu auf diese Zielgruppe hin gedacht. Im Idealfall würde man die Besitzer der mittleren Kolonate dazu bewegen können, ihre nachfolgenden Söhne für etwa zwei Jahre in eine als Schule organisierte „andere Wirtschaft“ zu geben. Die „richtigen“ Schüler zu rekrutieren, wurde zum Maßstab für den Erfolg einer Ackerbauschule.

Juni 2018
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[1] Schwerz, Johann Nepomuk Hubert von (* 11. Juni 1759 in Koblenz; † 11. Dezember 1844 in Koblenz) war ein deutscher Agrarwissenschaftler. Im Auftrag des Königs von Württemberg gründete er 1818 eine staatliche landwirtschaftliche Lehranstalt in Hohenheim (heute Universität Hohenheim). Schwerz gilt als der Hauptvertreter der empirisch-rationellen Schule der Landwirtschaftslehre. – Wikipedia 12.12.2017.
[2] Johann Nepomuk von Schwerz, Beschreibung der Landwirthschaft in Westfalen, Faksimiledruck nach der Ausgabe von 1836, Münster-Hiltrup o.J., S. 3f.
[3] Schwerz, ebenda, Vorwort.
[4] Maßnahmen zur Sicherung des landwirtschaftlichen Gewerbes in der Provinz Westfalen – in: Hans-Joachim Behr, Jürgen Kloosterhuis, Ludwig Freiherr Vincke, Ein westfälisches Profil zwischen Reform und Restauration in Preußen, Q 31, Münster 1994, S. 698ff.
[5] Alexander von Lengerke, Elementar-Beiträge zur landwirtschaftlichen Statistik des Preußischen Staates – Beiträge zur Kenntnis der Westfälischen Landwirtschaft, Berlin 1847, S. 168f.
[6] Lengerke, ebd., S. 491.
[7] ebd., S. 500f.
[8] ebd., S. 502 – Lengerke nennt Bönninghausen (Darup) und beschreibt u.a. die Wirtschaften Martels (Horst,  Amt Nienborg, Kreis Ahaus), Forkenbeck (Lüdinghausen) und Brüning (Selm, Gut Botzlar). 
[9] Treffen der Vertreter sämtlicher landwirtschaftlicher Hauptvereine mit dem Landesökonomiekollegium.
[10] Annalen der Landwirtschaft in den Königlich Preußíschen Staaten, Suppl. 2 = Jg. 8, Berlin 1850, S. 9. – Den Vortrag zum Thema hielt der Präsident des Landesökonomiekollegiums, Beckedorff, a.a.O. S. 140ff.
[11] Annalen, ebd. S. 151f.

 
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