aktenlage
Zeitschrift für Regionalgeschichte Selm und Umgebung - ISSN 2366-0686

Lehrer- und Lehrerinnenseminare

Christel Gewitzsch

Wer gut unterrichtete Schüler haben will, muss ihnen gut ausgebildete Lehrer zugesellen. Es reicht dann nicht mehr, einen Kandidaten beim Dorfschullehrer abgucken zu lassen, den Küster zum Unterrichten zu schicken oder einen abgehalfterten Soldaten hinter das Pult zu stellen.

Dies erkannte Franz Wilhelm von Fürstenberg (1729-1810), der im Fürstbistum Münster als Generalvikar für das Bildungswesen zuständig war. Zusammen mit dem Theologen Bernard Overberg machte er sich an eine Reform desselben und gründete 1783 für die Ausbildung der Elementarschullehrlehrer die Normalschule, in der das Lehrpersonal und die Anwärter in zwei bis dreieinhalbmonatigen Kursen mit zielfördernden Unterrichtsmethoden bekannt gemacht wurden. Das lief bis 1826, dem Todesjahr Overbergs. Der Münsteraner Bischof Droste zu Vischering beantragte zwar, die Normalschule beizubehalten, weil in ihr die Zöglinge des Priesterseminars weiterhin den pädagogischen Teil ihrer Ausbildung absolvieren sollten, aber das Provinzial-Schul-Kollegium lehnte dies ab.

In den letzten Jahren war es allen Beteiligten und auch Overberg klar gewesen, dass diese Kurse für eine gründliche Qualitätssteigerung des Unterrichts nicht ausreichten. Aber bis zur Errichtung von Ausbildungsseminaren war man auf die Absolventen der Normalschule und privaten Lehranstalten angewiesen. In der Übergangszeit appellierte die Regierung an Lehrer und Geistliche, nur die jungen Leute für einen Vorbereitungskurs auf das Lehramt zu ermutigen, die genügend vorgebildet waren. Die Normalschule ist nicht dazu bestimmt, ihren Zöglingen in den gewöhnlichen Schulkenntnissen Unterricht zu ertheilen. Sie setzt vielmehr bei ihren Zöglingen das, was in der Volksschule gelehrt wird, und erlernt werden kann, voraus.[1] 1825 mussten sich alle Bewerber einer Prüfung unterziehen.

Staatliche Schullehrerseminare für evangelische Schulen waren vorhanden, in Soest z.B. ab 1806. Für die katholischen Elementarschullehrer wurde das erste Seminar in der Provinz Westfalen 1825 in Büren gegründet. Die Frauen mussten bis 1832 warten, als in Münster und Paderborn katholische Lehrerinnenseminare entstanden. Das zweite Seminar für Lehrer, ansässig in Langenhorst, erhielt nach einigen Anlaufjahren als Präparandenschule und Nebenseminar 1839 die Anerkennung als vollberechtigtes Lehrerseminar. 1876 entschied sich das Ministerium für einen Umzug nach Warendorf, wo 1882 die Eröffnung stattfand.

Der Zimmermannsspruch am Neubau in Warendorf vom Richtfest des Seminargebäudes am 24. September 1878 lautete:
Wir wünschen Glück dem Seminar,
Gott und der Menschheit mög‘ es dienen
Zur Ehr‘, zum Nutzen immerdar.
Es möge Bildung, wahre Tugend
Stets tragen in das Land hinein,
Es mög‘ zum Heile unsrer Jugend
Die Pflanzstatt guter Lehrer sein.
[2]

Ausbildung des Lehrpersonals im Amt Bork

Als Pflanzstatt für einige Lehrer und Lehrerinnen der Schulen der Gemeinden Bork, Selm und Altlünen dienten in den folgenden Jahrzehnten die drei oben genannten katholischen Seminare. Nicht von allen Absolventen sind in den Akten die Ausbildungsgänge verzeichnet, aber die Lehrerinnen, über die wir etwas erfahren – sechs insgesamt -, haben das Seminar in Münster besucht. Von den fünf genannten Lehrern erhielt einer seine Ausbildung in Büren, drei waren in Langenhorst und einer verbrachte seine Seminarzeit in Warendorf. Jüdische Lehrer, auch die, die ihre Ausbildung in dem Haindorfschen Institut in Münster erhalten hatten, wurden zur Prüfung ins Soester Seminar bestellt.

Am Ende jeder Seminarausbildung fand eine umfangreiche Abgangsprüfung statt. Zu Anfang waren die Zeugnisse darüber in drei Stufen unterteilt, später gab es Noten von sehr gut bis genügend. Bei der Stufeneinteilung konnte der Kandidat mit der Note Nr. 1 ohne eine weitere Prüfung sofort definitiv angestellt werden. Die Nr. 2 berechtigte zunächst nur für eine provisorische Anstellung. Nach zwei Jahren sollte über eine endgültige Verpflichtung entschieden werden. War die Einschätzung der Entscheidungsbefugten (Schulinspektoren, Schulvorstände, Schulräte, Seminardirektoren) negativ, mußte sich der Kandidat einer zweiten Prüfung unterziehen.[3] Erreichte ein Prüfling nur die Note Nr. 3 wurde nach zwei Berufsjahren automatisch eine weitere Prüfung angesetzt. Nach 1854 änderte sich das. In den Stiehlschen Regulativen (auch wenn sie offiziell nur für die evangelischen Seminare in Kraft traten) wurde für alle Lehrer eine zweite Prüfung vorgeschrieben, bevor sie das Recht auf eine definitive Anstellung erhielten. In machen preußischen Provinzen galt dies für Lehrerinnen nicht und ab 1874 schloss man alle Lehrerinnen in Preußen davon aus. In der Literatur wird vermutet, man wollte den Frauen nicht ein der männlichen Seite gleiches Recht auf Beschäftigung im öffentlichen Schulwesen[4] zugestehen. Und wirklich mussten die Frauen häufig deutlich länger auf ihre endgültige Anstellung warten als ihre männlichen Kollegen, die spätestens ein Jahr nach dieser Prüfung definitiv angestellt[5] werden mussten.

Die Borker Lehrerinnen Julie Uedinck und Gertrudis Westermann erhielten beide das Zeugnis Nr. 1. Bei Johanna Hölscher, Lehrerin in Selm, sind ein gutes und ein sehr gutes Zeugnis verzeichnet. Vielleicht bezieht sich die zweite Zensur auf eine Wiederholungsprüfung. Anna Pieper und Elisabeth Schwinde, ebenfalls in Selm tätig, konnten das Prädikat „gut“ vorweisen, während bei ihrer Kollegin Agatha Hagemann nur von einer bestandenen Prüfung die Rede ist.

Bei den vier Lehrern wird das Prüfungsergebnis nur zweimal genannt. Johannes Bathe (Cappenberg) und Carl Düllo (Selm) schlossen ihre Ausbildung mit dem Zeugnis Nr. 2 ab.

Die Seminare

Büren

Durch das Amtsblatt informierte die Regierung die Interessenten an einer Lehrerausbildung in ihrem Schreiben vom 15. Januar 1825 über die anstehenden Aufnahmeprüfungen für das bald zu eröffnende katholische Schullehrer-Seminarium zu Büren.[6] Für den Regierungsbezirk Münster fanden die Prüfungen entweder in Münster durch Bernard Overberg oder in Recklinghausen durch den Schulkommissar Wiggermann statt. Mit der Bekanntgabe teilte sie gleichzeitig mit, daß die Anzahl derer, welche sich zur Prüfung gemeldet haben, bedeutend größer ist, als die Anzahl derer, welche in die Anstalt aufgenommen werden können, und daß daher nur die fähigern und besser vorbereiteten hoffen dürfen, aufgenommen zu werden.

Insgesamt 130 Aspiranten hatten sich gemeldet, aber einige waren zu jung oder fielen durch die Prüfung. Am 31. Mai 1825 gab Oberpräsident Vincke bekannt: Am 17. diese Monats ist das neue katholische Schullehrer-Seminarium zu Büren bei Paderborn eröffnet worden.
Der aufgenommenen Präparanden sind 49, nämlich 15 aus dem Münsterschen, 16 aus dem Mindenschen und 18 aus dem Arnsberger Regierungsbezirke.
Indem ich dieses hierdurch bekannt mache, fordere ich diejenigen, welche künftig ihre Söhne in dieser Anstalt ihren Cursus wollen machen lassen, auf, bei Zeiten angelegentlichst dafür zu sorgen, daß diese sich gehörig vorbereiten, und namentlich sich in der Muttersprache, im Klavier- und Orgelspielen und im Schönschreiben die erforderliche Geschicklichkeit erwerben, indem hinsichtlich dieser Unterrichts-Gegenstände die Forderungen an die aufzunehmenden Zöglinge in den folgenden Aufnahme-Terminen werden gesteigert werden
.[7]

Johannes Bathe, Lehrer in Cappenberg von 1833 bis 1876, erhielt sein Rüstzeug im Seminar Büren und schloss 1832 dort seine Ausbildung ab.

Langenhorst

Zu behaupten, die Gründung des Lehrerseminars in Langenhorst wäre einer Schnapsidee entsprungen, ginge sicherlich zu weit. Aber der Königliche Regierungs- und Schulrat Krabbe erzählte selber, dass anlässlich einer Schulrevision in Langenhorst, als er mit vier Geistlichen in heiterem Gespräche zusammen saß, scherzend das Bild eines Schullehrerseminars entworfen wurde. Es war alles bloßer Scherz, und niemanden in der Gesellschaft fiel ein, daß aus dem Scherze Ernst werden könne.[8] Aber da die Overberg‘schen Normalkurse schon seit vier Jahren eingestellt waren und das Seminar in Büren, wie fast alle anderen Seminare auch, die Kenntnisse der Aspiranten bemängelte, begann man in Langenhorst im November 1830 mit Vorbereitungskursen für 26 Schüler.

Man darf sich die Anfänge so mancher dieser Seminare nicht einfach genug vorstellen. Im Langenhorster Fall erklärten sich die drei ersten zur Verfügung stehenden Lehrer (auch der Seminarleiter) bereit, den Unterricht aufzunehmen, bevor sich eine Quelle für ihre Bezahlung auftat. Einer der Lehrer, der Kaplan in Langenhorst, gab von seiner Wohnung zwei Zimmer her, die für den Unterricht genutzt wurden; eines für die Musik- und Gesangsübungen, das andere für die Lehrvorträge. Von den etwas mehr als 56 Talern, die der Oberpräsident Vincke für die Erstausstattung hergab, wurden zwei Öfen, Bänke und Brettstühle, zwei Wandtafeln, ein Globus und einige Landkarten angeschafft. Zwei Klavichorde bekam man geschenkt und ein Klavier konnte man sich leihen. Und schon ging’s los.

Als die drei Lehrer Friedrich Bathe (Cappenberg), Joseph Schwenniger und Carl Düllo (Selm) in den 60er/70er Jahren in Langenhorst ausgebildet wurden, waren die Beschränkungen als Präparandenschule, beziehungsweise Nebenseminar, schon lange aufgehoben. Zur Erklärung: In der Präparandenschule wurde für ein Seminar vorbereitet; die Abgangsprüfungen im Nebenseminar berechtigten nur für den Einsatz in Nebenschulen. So war z.B. die Schule in Cappenberg lange Jahren eine Nebenschule der Gemeinde Bork. 

Neben diesen drei Lehrern erhielten bis 1889, als die Festschrift mit den Namenslisten erschien, fünf weitere junge Männer aus dem Amtsbezirk Bork  ihre Ausbildung in Langenhorst, beziehungsweise Warendorf. Die Reihe führt an Wilhelm Hauskop aus Altlünen in den 30er Jahren, es folgen August Rotermann (1869) und Theodor Surholt (1872) aus Selm, Gerhard Uhlenbrock (1881) aus Cappenberg und Wilhelm Kampert (1886) aus Bork.

 

Die eher provisorische Ausstattung zu Beginn wurde nach und nach ergänzt. Nachdem 1834 der Konsistorialrat Natorp vom Provinzial-Schul-Kollegiums in Münster und einige Jahre später der Oberpräsident persönlich die Anstalt besucht hatten, flossen mit Genehmigung des Unterrichtsministeriums im Schuljahr 1835/36 aus dem Staatsfonds 300 Taler. Davon wurde das Inventar vervollständigt, einige Klaviere gekauft, den Lehrern kleinere Vergütungen gewährt und der Rest für den notwendigen Bau eines Schulhauses zurückgelegt. Ab 1835 flossen dem Seminar jährlich 650 Taler aus einem Klosterfonds zu, so dass ein Seminargebäude gebaut und 1838 bezogen werden konnte. 1882 zog das Seminar nach Warendorf um.

Die Kurse in Langenhorst dauerten zwei Jahre, praktische Kurse an einer Übungsschule fanden aus Zeitmangel nicht statt. Im Laufe der Jahre erweiterte sich der Lehrplan durch die Einführung des Turnunterrichts und die Anlegung eines Gemüsegartens. Eine Übungsorgel konnte aufgestellt werden und in den 30er Jahren wurden für die Schüler eigene Betten beschafft. [!]

Der Tag in Langenhorst begann für alle Schüler mit dem Morgengottesdienst um sieben Uhr (unter einem Direktor auch um fünf Uhr) und die Unterrichtszeit endete zu Anfang erst abends um sieben, später um vier oder fünf Uhr. Das von den Seminarteilnehmern zu bezahlende Kostgeld erhöhte sich im Laufe der Zeit von neunzig auf hundert Taler.

Münster

Im katholischen Münsterland hatten die Verantwortlichen sich schon früh um eine gleichwertige Ausbildung der Lehrerinnen gekümmert. Overberg stellte 1825 dar, daß im Durchschnitt die Schulen der Mädchen, denen eine Lehrerin vorsteht, besser im Stande sind, als die Schulen der Lehrer.[9] Deshalb sollten die Mädchen auf ihre bedeutende Rolle in der Erziehung ihrer Kinder bevorzugt durch Lehrerinnen vorbereitet werden. Auch aus sittlichen Gründen wurde es lieber gesehen, Mädchen und Jungen getrennt zu unterrichten und den Mädchen eine Lehrerin zu geben. Ebenso setzte die Behörde die Frauen lieber in den unteren Klassen ein, weil sie weniger kosteten. Die geringere Bezahlung der Frauen hielt man für gerechtfertigt, da sie keine Familie zu unterhalten hatten; heirateten die Lehrerinnen, mussten sie ihre Lehrtätigkeit aufgeben. In dieser unfreiwilligen Ehelosigkeit sah Overberg einen Grund für die guten Leistungen der Lehrerinnen, die nach seiner Auffassung sich aus einer gewissen religiösen Pietät dem Schulamt widmen, den Stand einer Lehrerin als heiligen Stand betrachten und sich selbst in diesem Stande als geistliche, dem Dienst der Kirche gewidmete Person erscheinen.[10]

Mit der Schließung der Normalschule wurde deshalb auch die Eröffnung eines Lehrerinnenseminars nötig. Dies brauchte aber seine Zeit, weil die Fragen der Finanzierung und der Örtlichkeit strittig waren. Die Lösung brachte dann die Möglichkeit, eine höhere Töchterschule in Münster mit dem Seminar zu kombinieren. Das hohe Schulgeld der Töchterschule, Zuwendungen aus einem Klosterfonds, Einsatz des Lehrpersonals in beiden Einrichtungen, Nutzung der Schulklassen als Übungsschule der Seminaristinnen, ein Gebäude für Schule und Seminar – all das überzeugte den Gemeinderat von Münster, das Schulkollegium und das Ministerium.

Im Februar 1832 erschien im Amtsblatt die Bewilligung Seiner Majestät des Königs. In Bezug auf das Lehrerinnenseminar wurde u.a. Folgendes bekannt gegeben: Im ersten Jahre empfangen [die Seminaristinnen] Unterricht in den für sie passenden Lehrgegenständen, mit den Schülerinnen der ersten Abtheilung der Schule und außerdem in der Erziehungs- und Unterrichtslehre. Im zweiten Jahr wird dies zum Theile fortgesetzt, hauptsächlich aber ist dieses zweite Jahr dazu bestimmt, daß sie unter Aufsicht der Lehrerinnen in der untern und mittleren Klasse der Schule unterrichten helfen, um sich auch darin praktisch zu üben. Sie erhalten in dem Lokale der Anstalt freie Wohnung, bezahlen aber für Kost, Feuerung, Licht und halbjährige Wäsche 50 Thlr. jährlich, welche mit 25 Thlr. jedes halbe Jahr vorauszubezahlen sind. Die Aufzunehmenden müssen in der Regel das 17. Lebensjahr vollendet und das 22. nicht überschritten haben. Diejenigen, welche Ostern d. J. aufgenommen werden wollen, müssen sich am 13. k. M., Morgens 8 Uhr in dem Lokale der vormaligen hiesigen Normalschule zur Prüfung einfinden, und spätestens bis zum 6. März folgendes an den Prüfungs-Kommissair, geistlichen Schul-Rath Krabbe hier, portofrei einsenden.[11] Die einzusendenden Unterlagen bestanden aus einem selbst geschriebenen und verfassten Lebenslauf, einem versiegelten Zeugnis vom Pfarrer über die bisherige sittliche Aufführung, einem Gesundheitszeugnis vom Arzt und eine vom Bürgermeister bestätigte Erklärung des Mannes, der für die prompte Bezahlung des festgesetzten Kostgeldes aufkommen musste. Nach der Prüfung wurden nur die Kandidatinnen benachrichtigt, die aufgenommen werden konnten.

Die Kosten der Ausbildung brachten einige Familien an den Rand ihrer Möglichkeiten. Besonders dann, wenn die Schülerinnen keinen Wohnplatz im Seminar fanden, sondern sich in Münster eine Unterkunft suchen mussten. Die Familien nahmen diese Entbehrungen auf sich, weil sie vielfach auf eine spätere Unterstützung durch ihre berufstätigen Töchter hofften.

Trotz der Kombination mit der Mädchenschule fing auch in diesem Seminar die Arbeit unter einfachsten Bedingungen an. Der schon oben erwähnte Schulrat Krabbe übernahm ehrenamtlich die Leitung der Anstalt. Er und die drei Lehrerinnen wohnten im Schulgebäude und für die Erstausstattung des Seminarbetriebs stellten Krabbe und eine der Lehrerinnen ihren privaten Hausrat zur Verfügung. Die ehemalige Haushälterin Krabbes wurde Wirtschafterin des Seminars. Die im Seminar untergebrachten Teilnehmerinnen wurden – so ist es für die 50er Jahre vermerkt – für Reinigungs-, Küchen- und Gartenarbeiten eingesetzt.

Neben dem gemeinsamen Unterricht mit den Schülerinnen der Oberklasse erhielten die Seminaristinnen Lektionen in Pädagogik und Klavierspiel. Sowohl bei den Schülerinnen als auch bei den zukünftigen Lehrerinnen ging es Krabbe darum, sie zu guten Hüterinnen ihrer häuslichen Kreise zu erziehen. Religiosität war das Erziehungsziel. Viele Stunden verbrachte man bei gemeinsamen Gottesdiensten, Schulmessen, Andachten, Gebeten und im Religionsunterricht. Bildung hielt Krabbe für nötig, Gelehrsamkeit wollte er nicht befördern. Bei allem Unterricht wollte er auf die Eigenthümlichkeit des Geschlechts Rücksicht nehmen.[12]

Ab der Jahrhundertmitte, als in die Oberklasse auch Schülerinnen aufgenommen wurden, die sich für die Aufnahmeprüfung des Seminars vorbereiten wollten, erkannte man das Problem der überfüllten Klassen und trennte den Unterricht der Seminarteilnehmerinnen nach und nach ab. Später wandelte sich die Töchterschule in eine reine Seminar-Übungsschule. Für die Präparandinnen entstand eine private Vorbereitungsschule, die zu Beginn von einer jungen, noch nicht angestellten Lehrerin in ihrer Wohnung betrieben wurde.

1834 beendeten die ersten Teilnehmerinnen ihre Ausbildung in Münster mit der Abgangsprüfung. Geprüft wurde in folgenden Fächern: Deutsch, Religion, Rechnen, Realien (Geschichte, Geographie, Naturgeschichte, Naturlehre), Gesang, Französisch, Handschrift, Zeichnen, Handarbeit, ferner in Methodik und „Schule halten“ (Lehrprobe). Darüber hinaus gab es auf dem Zeugnis noch eine Note für „Aufführung“.[13]

Um die Gesundheit der künftigen Lehrerinnen war es vielfach nicht gut gestellt. Nach der oft  jahrelangen Vorbereitung auf das Seminar, viele Mädchen übten das Pensum neben der Haus- und Feldarbeit in den Nacht- und Abendstunden, verschlechterte sich ihr Zustand im Seminar wegen des umfangreichen Lernstoffes, besonders vor den Abgangsprüfungen. Aber auch die Lebensbedingungen im Internat und außerhalb waren belastend. Im Internat: einfachste Ernährung, ungesunde Schlafräume, nicht wärmende Decken (Wolldecken mussten gegen Federbetten ausgewechselt werden, die eigentlich aus hygienischen Gründen verboten waren). Bei den Externen: hohe Kosten für die Unterbringung, die sich die Schülerinnen oft vom Munde absparten.

Der dicht gedrängte Tagesablauf ließ nicht viel Zeit zur Erholung übrig. Um fünf Uhr war die Nacht vorbei. Neben den Zeiten für den Gottesdienst, Gebeten und drei Mahlzeiten verbrachten die Schülerinnen mit kleinen Unterbrechungen zehn Stunden im Unterricht, bei schulpraktischen Übungen und mit eigenen Studien. Eine halbe Stunde bis zum Abendessen hatten sie freie Zeit. Um neun Uhr machten sie sich zum Schlafen fertig. Ab halb zehn war Nachtruhe. An zwei Nachmittagen in der Woche stand ein zweistündiger Spaziergang im Freien auf dem Plan und an Sonn- und Feiertagen gab man den Schülerinnen für zweieinhalb Stunden frei, in denen sie auch Besuche machen durften.

Krabbe, Begründer und erster Direktor des Lehrerinnenseminars, hatte sich wohl die häufig ausgesprochene Kritik sehr zu Herzen genommen, daß es kaum eine Stadt gebe, in welcher Frauen und Mädchen ihre Zeit so verschwenderisch in den Kaffeehäusern, in Kränzchen, Theegesellschaften u. s. w. zubrächten, als Münster.[14] Die Zöglinge des Lehrerinnenseminars wollte er da nicht sehen.
Juni 2020
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[1] Amtsblatt der Regierung Münster, 1820, Nr. 29, S. 198.
[2] Dr. Funke, Geschichte des Königlichen Lehrer-Seminars zu Warendorf, Festschrift zur Jubelfeier seines 50-jährigen Bestehens am 31. Juli 1889, Warendorf 1889, S. 30. sammlungen.ulb.uni-muenster.de.
[3] Frank-Michael Kuhlemann, Modernisierung und Disziplinierung, Sozialgeschichte des preußischen Volksschulwesens 1794-1872, Göttingen 1992, S. 271.
[4] Marion Klewitz, zitiert nach: Barbara Stolze, Ausbildung und Berufstätigkeit von Volksschullehrerinnen in Westfalen 1832-1926, Pfaffenweiler 1995, S. 122.
[5] Stolze, Ausbildung, S. 123.
[6] und folgendes Zitat: Amtsblatt der Regierung Münster, 1825, Nr.4, S. 59.
[7] Amtsblatt der Regierung Münster, 1825, Nr. 24, S. 262.
[8] und weitere Zitate zum Seminar Langenhorst: Dr. Funke, Geschichte, S. 6ff.
[9] zitiert nach: Stolze, Ausbildung, S. 31.
[10] ebenda
[11] und folgende Zitate: Amtsblatt der Regierung Münster, 1832, Nr. 6, S. 48.
[12] Krabbe, zitiert nach: Stolze, Ausbildung, S. 50.
[13] Stolze, Ausbildung, S. 113.
[14] C. F. Krabbe, Pädagogische Erinnerungen, Münster 1883, S. 124.

 
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