aktenlage
Zeitschrift für Regionalgeschichte Selm und Umgebung - ISSN 2366-0686

Georg Brüning - Berufliches und Privates nach Aktenlage, Teil 5
Ankunft in Beuthen und Heirat in Warburg (1883)

Ankunft in Beuthen und Heirat in Warburg (1883)

Dieter Gewitzsch

Nicht aus der Personalakte (1), sondern aus der Presse ist zu erfahren, dass Regierungspräsident von Zedlitz-Trützschler an Georg Brünings Amtseinführung teilnahm und in seiner Rede u.a. auf die Schwierigkeiten aufmerksam machte, die auf den neuen Herrn Bürgermeister warteten. Brüning sei aus fremder Gegend und fremden Verhältnissen ... in ein neues Heim und in unbekannte Verhältnisse eingetreten. Sein Arbeitsfeld sei ein Ort, wo fast in fieberhafter Weise der Herzschlag der Industrie pulsiert, und wo es noch viel zu thun giebt. Gleichwohl dürfe Beuthen in erster Reihe zu den Städten gerechnet werden ..., die in letzter Zeit einen bedeutenden Aufschwung erreicht haben.(2)

Neunundneunzig Jahre später erscheint im Kreis Recklinghausen 1982 ein "Heimatbuch des Beuthener Landes"(3) in dem rückblickend festgestellt wird, dass die Entwicklung zur modernen Stadt ... in der Amtszeit von Bürgermeister Dr. Georg Brüning (1883-1919) begann. Kaum ein Text zur Person und zum Wirken des Beuthener (Ober-)Bürgermeisters lässt die Aufzählung der vielen und umfangreichen Unternehmungen (z.B. Kanalisation, Pflasterung der Straßen, Theater und Konzerthaus, Oberrealschule, Brüningschule, Hygienisches Institut, Schlachthof ...) unerwähnt. Oft wird die Liste mit dem Hinweis verbunden, dass die solide Finanzlage der Stadt den Erfolg der Projekte gewährleistete und dass diese Stabilität Georg Brüning zu danken sei. Beuthen wurde unter ihm zu einer soliden und schönen Stadt, resümiert 1957 Franz Stodolka in seiner Stadtgeschichte (4) und hält fest, dass die Aufgaben des früheren Stadtoberhauptes viel weitgehender waren und in seiner Hand ... die Fäden der Stadtverordnetenversammlung, des Magistrats und der Verwaltung zusammenliefen. Ihm sei möglich gewesen, der Stadt seinen Stempel aufzudrücken. Und das habe Dr. Brüning stets zum Wohle der Stadt getan.

Dazu passt, dass in der "Volksstimme" eine der ersten Nachrichten die Geschäftsverteilung zum Thema hatte:

Beuthen, 4. April. (Von den Behörden)
Der Magistrat hat unterm 29. März d.J. bekannt gemacht, daß die Polizei-Verwaltung für den hiesigen Stadtbezirk dem Herrn Bürgermeister Müller übertragen worden sei. Der erste Herr Bürgermeister Dr. Brüning dagegen wird sich die Leitung und Führung der umfangreichen Kommunal-Geschäfte, einschließlich der äußeren städtischen Schul-Angelegenheiten, unterziehen und seine volle Arbeitskraft diesen wichtigen Geschäftszweigen zuwenden können.


Anfang April 1883 hatte Georg Brüning die ersten Stufen einer Karriereleiter erklommen und damit eine sichere Grundlage für die angestrebte gute bürgerliche Existenz. Jetzt konnte er die verabredete Heirat mit Dorothea Köhne in die Tat umsetzen und mit ihr eine Familie gründen. Der angehende Bräutigam verlor keine Zeit und suchte - noch ganz der Herr Assessor - beim Regierungspräsidenten um einen "Heiratskonsens" nach:

Beuthen den 10. April 1883

Betrifft Ertheilung des Heirathsconsenses

Hochgeborener
hochzuverehrender Herr Graf und Regierungs-Präsident!

Euer Hochgeboren beehre ich mich, gehorsamst anzuzeigen, daß ich beabsichtige, im Laufe dieses Frühjahrs mit Fräulein Dorothee Köhne, jüngste Tochter des weiland Gasthofsbesitzer August Köhne zu Warburg und dessen weiland Ehefrau Ferdinande geborene Pinger mich zu verheirathen. Meine Braut befindet sich in geordneten Vermögensverhältnissen. Sie hat einen Bruder, welcher katholischer Pfarrer in Warburg, Kreis Büren, ist, und zwei Schwestern von welchen die eine ledig ist, die andere mit dem Gasthofs- und Gutsbesitzer W. Böttrich zu Warburg verheirathet ist.
Euer Hochgeboren bitte ich gehorsamst, den zu dieser Verbindung erforderlichen obrigkeitlichen Consens mir hochgeneigst ertheilen zu wollen.

Brüning Dr.


Regierungspräsident von Zedlitz-Trützschler antwortete knapp, dass es nach einem Reskript aus dem Jahre 1830 für Communalbeamte eines Consensus zur Verheirathung seitens der Aufsichtsbehörde nicht bedarf. Aus dem Regierungsassessor war schließlich ein kommunaler Wahlbeamter geworden, was der "Erste Bürgermeister" zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht in allen Punkten verinnerlicht hatte. Den anstehenden Heiratsurlaub konnte ihm allerdings nur die Bezirksregierung in Oppeln gewähren.

Beuthen O.S. den 9ten Mai 1883

In der Absicht, am 30. d. M. mich zu verheirathen, bitte ich Euer Hochgeboren gehorsamst, hierzu und zur Unternehmung einer Hochzeitsreise auf die Dauer vom 28. d.M. [Mai] bis zum 21. n.M. [Juni] mich hochgeneigst beurlauben zu wollen.

Brüning Dr.


Oppeln entsprach den Wünschen. In den Text Bewilligung wurde zunächst die Formulierung des Antragsstellers "Unternehmung einer Hochzeitsreise" übernommen, später aber gestrichen. Die Dauer der Beurlaubung reichte dann auch für eine Reise.

In den ersten Monaten seiner Amtszeit zeigte sich schon, dass das neue Stadtoberhaupt keine Probleme hatte, auf die Bürgerschaft zuzugehen und an gesellschaftlichen Ereignissen teilzunehmen, wo immer sich eine Gelegenheit bot. Der Westfale kam mit den (Ober-)Schlesiern zurecht und war offenbar willkommen. Noch vor Antritt seines Heiratsurlaubs war er im Beuthener "Schießhaus" anwesend, um dem neuen Schützenkönig seine Reverenz zu erweisen. Schützenfest - das konnte er, das kannte er aus Warburg.

Beuthen ... Sonntag (20. d.), nachmittags 3 Uhr, fand die Abholung des neuen Schützenkönigs und der übrigen Würdenträger nach dem Schießhause statt. Bei dem Festdiner, zu welchem die hiesige Militärkapelle konzertierte, brachte den ersten Toast auf unseren Kaiser der Schützenkönig Herr Kaufmann R. Generlich aus. Der erste Bürgermeister Herr Dr. Brüning ließ den neuen Schützenkönig hochleben ihm wünschend, daß es ihm vergönnt sein möge im nächsten Jahre seinem Nachfolger das Scepter zu überreichen. Herr Markscheider toastirte auf Herrn Dr. Brüning und dankte dem ersten Herrn Bürgermeister für die der Gilde bereits bewiesene und auch ferner in Aussicht gestellte Anteilnahme. Ein altes Mitglied der Schützengilde, Herr Polizei-Kommissarius a.D. Kunschke, hatte die Freude, seinen 70jährigen Geburtstag zugleich mit dem kameradschaftliche Feste begehen zu können. Dem Diner, welches nach 7 Uhr sein Ende fand, folgte ein bis 1 Uhr nachts währendes Kränzchen.(5)

Die Trauung fand am 30. Mai 1883 in der Kirche St. Johannes Baptist in Warburg-Neustadt statt. Der Eintrag ins Kirchenbuch ist im Portal "Matricula Online" zu finden.

Kirchenbuch, linke Seite, Kopfzeile und Eintrag Nr. 8  

Kirchenbuch, rechte Seite, Kopfzeile und Eintrag Nr. 8

In Beuthen vermerkte die Presse am 29. Mai, dass Brüning den ihm bewilligten Urlaub angetreten habe und Bürgermeister Müller ihn vertrete. Unter der Spitzmarke Beuthen, 30. Mai. (Vom Tage.) berichtete die "Oberschlesische Volksstimme" dann von zahlreichen offiziellen und privaten Glückwünschen, die das Paar in Warburg erreichten:

Aus Anlaß der Vermählung des Bürgermeisters Dr. Brüning in Warburg sandten der Magistrat, die Stadtverordneten, die städtischen Subalternbeamten, der Bürgerverein, des Mitglied Herr Dr. Brüning ist, und zahlreiche Privatpersonen Glückwünsch-Telegramme ab. Es ist dies ein beredtes Zeugnis für die Achtung und Liebe, welche sich Herr Dr. Brüning in der erst kurzen Zeit seines Hierseins erworben hat.

Die "autobiografischen Erzählung" des späteren Enkels der Frischvermählten, Georg Kayser, erwähnt die besagte "Hochzeitsreise", die nach Verona führte und am Ende über Wien, Olmütz, Mährisch-Ostrau und Kattowitz nach Oberschlesien in die neue Heimatstadt Beuthen O/S.(6) "Herr und Frau Bürgermeister" seien am Bahnhof von "Honoratioren" empfangen worden, so Kaysers Erinnerungen, und die beiden seien in einer Kutsche, die der Generaldirektor einer Beuthener Zeche zum Bahnhof gesandt hatte, ... durch die nächtliche Stadt zum Rathaus [gefahren], wo sie im zweiten Obergeschoß ihre Dienstwohnung, die nur spärlich mit den notwendigsten Möbeln eingerichtet war, bezogen.(7)

Kayser schreibt von einem großen Empfang, den Bürger und Vereine des aufstrebenden Städtchens ihrem neuen Verwaltungschef und seiner Frau bereitet hätten. "Der oberschlesische Wanderer" berichtete über den Empfang wie folgt. (Das Zeilenende der Spalte ist in der Bindung verborgen. Hier der mutmaßliche Wortlaut:

Beuthen, 23. Juni.
Die Rückkehr unseres Stadtoberhauptes des Herrn ersten Bürgermeisters Dr. Brüning mit seiner Frau Gemahlin erfolgte gestern Abend. Seitens mehrerer Vereine wird den Jungvermählten eine Ovation dargebracht und zwar ... dieselben von seiten des Feuerwehr-Vereins ... durch einen Fackelzug und von seiten des Sängerbundes und der Stadtkapelle durch ein Ständchen geehrt werden. Zum würdigen Empfange des ersten Bürgermeisters und seiner jungen Gattin ist das Rathaus im Innern auf's Schönste mit grünem Reisig, sowie Kränzen und Girlanden dekoriert worden.

Eine Woche Später bot das Stiftungsfest des Beuthener Kriegervereins den Brünings eine weitere Gelegenheit, sich unter das Volk zu mischen:

Beuthen, 1.Juli ... Vom schönsten Wetter begünstigt, hielt der hiesige Krieger-Verein gestern sein Stiftungsfest im Schießhauspark ab. Es hatten sich nicht nur die Kameraden mit ihren Angehörigen, sondern auch eine große Anzahl anderer Besucher zahlreich eingefunden, um den Nachmittag in frischer, freier Luft zuzubringen. Mit freudiger Genugthung wurde von den Vereinsmitgliedern die Anwesenheit unseres ersten Herrn Bürgermeisters Dr. Brüning mit seiner jungen Gemahlin bemerkt. ...

Bekanntlich wurde Georg Brüning informiert, dass er als Kommunalbeamter zur Heirat keinen Konsens herbeiführen musste, er blieb aber im Verhältnis zum Regierungspräsidenten förmlich und meldete Mitte August 1883 seine Verheiratung:

Euer Hochgeboren beehre ich mich zur Vervollständigung meiner Personalacten gehorsamst anzuzeigen, daß ich am 30. Mai dieses Jahres mit Dorothea geborerner Köhne, Tochter des verstorbenen Gasthofbesitzers August Köhne und dessen gleichfalls verstorbenen Ehefrau Ferdinande geborene Pieper mich verheirathet habe.

Dr. Brüning 


Frau (Ober-)Bürgermeister Dorothea Brüning

Nicht nur im Fall der Dorothea Brüning geb. Köhne ist es nicht einfach, Daten und Fakten zum Leben einer verheirateten Frau zu recherchieren, die im ausgehenden 19. Jahrhundert und später in mehrfacher Hinsicht hinter ihrem Gatten verschwindet. Im besten Falle wurde der Nachlass von der Familie übernommen und bewahrt, ist aber nicht immer jedem Interessierten zugänglich. Sehr hilfreich ist, wenn - meist im Rahmen der Familie - Ahnenforschung betrieben und Dokumente gesammelt wurden, oder wenn jemand - wie der erwähnte Enkel der Beuthener Brünings, Georg Kayser - eine Familiengeschichte geschrieben hat. Das Kapitel "Beuthen" - in Kaysers Buch die Seiten 124-145 - berichtet u.a. von dem Engagement der "Frau Oberbürgermeister", das über Ehe und Familie hinaus in die Stadtgesellschaft reichte. Der Autor zitiert aus (unveröffentlichten) "Lebenserinnerungen" der Dorothea Brüning.Vaterländischen Frauenverein

Kayser sieht die Stadt 1883 in keiner guten Verfassung und führt die hohe Kindersterblichkeit allgemein auf Mängel in der Hygiene, unzureichende Ernährung und unzumutbare Wohnverhältnisse zurück. Hier erste Hilfe zu schaffen, war beider größtes Anliegen. Während Georg als Voraussetzung für jede Aufbauarbeit zunächst die finanzielle Situation der Stadtkasse sanierte, indem er einige gewerbesteuerstarke Nachbargemeinden in den Stadtverband integrierte, leistete Dorothea an der Seite ihres Mannes sozialhygienische Pionierarbeit. In den kinderreichen Familien lungerten die Jungen und Mädchen, deren Eltern beide für das tägliche Brot arbeiten mußten, tagsüber in den verschmutzten Gassen vor ihren armseligen Behausungen herum. Das führte zu Ansteckungen, Krankheiten und auch zur Kriminalität. Dorothea sammelte die Kinder um sich und vermittelte ihnen eine lebenspraktische Erziehung. Dazu trugen besonders die gemeinsame Beackerung eines großen Gartens, gemeinsame Festlichkeiten und die Unterweisung im christlichen Verhalten gegenüber Schwachen und alten Mitmenschen bei. Hier vollbrachte Dorothea eine Leistung, die ihr die Mütter der Stadt bis ins hohe Alter nicht vergessen haben.(8)

Ihre große Sorge war, Geldmittel für ihre umfangreichen sozialen Aufgaben aufzubringen. Eine übliche Geldquelle war die "Brockensammlung". Gesammelt wurde alles, was in den Haushalten an Brauchbarem abzugeben war: Möbel, Kleidung, Gebrauchsgegenstände, aber auch Geld. Die Aktionen organisierten der Elisabethverein gemeinsam mit dem Vaterländischen Frauenverein. ... Im Keller des benachbarten Konviktes wurde ... eine tägliche Armenspeisung gekocht.

Die Brünings wohnten zu dieser Zeit als Nachbarn des Konvikts in der Villa Kurfürstenstraße 4, wo Dorothea ein bemerkenswertes Projekt auf dem Feld hinter dem Garten etablierte. Jeden Nachmittag versammelten sich dort über dreihundert Kinder ..., von denen jedes einzelne ... ein eigenes, etwa zehn Quadratmeter großes Stück Land in eigener Verantwortung zu bewirtschaften hatte. Kayser spricht von über einhundert freiwilligen Männern und Frauen, die alltäglich bereit standen, um an diesem sozialen Werk, das im Laufe der Zeit ... vielschichtig die ganze Einwohnerschaft durchdrungen habe, mitzuwirken.

Der städtische Frauenverein wurde im Adressbuch Beuthen von 1905 aufgeführt.


Zur gleichen Zeit gab es den Vaterländischen Frauenverein (Bez. Beuthen OS.) dessen Vorsitzende die Frau Landrat Dr. Lenz war. Familie Lenz war evangelisch.

 

Dorothea, "der Fuchs vor dem Bau"

 

"Auf dem Posten sein, oder, wie mir von wohlwollender Seite geraten wurde, der Fuchs vor dem Bau zu sein, war zu jeder Zeit am Platze. Ich kann wohl sagen, das ganze Leben hindurch habe ich das Wächteramt treulich versehen, und ich glaube fest behaupten zu können, daß mancher Übereilung, die der Familie hätte Schaden werden können, dadurch vorgebeugt worden ist ...", schrieb Dorothea Brüning in ihren Lebenserinnerungen.(9)

In dem 2011 in Bytom auch in deutscher Sprache erschienenen Buch "Frau in der Geschichte und Gegenwart von Bytom/Beuthen" (10) widmen die Autorinnen Magdalena Goik, Edyta Horwat, Izabella Wójcik-Kühnel auf den Seiten 73/74 Dorothea Brüning geb. Köhne ein "Biogramm":

Dorothea Brüning geb. Köhne
Ehefrau des Bürgermeisters Dr. Georg Brüning, der der Stadt Beuthen zu ihrer Blüte verholfen hat. Unermüdete gesellschaftliche Aktivistin, die sich für behinderte Jugendliche und Opfer von Arbeitsunfällen einsetzte. Eine herzliche, geduldige und freundliche Frau.
Geboren wurde sie im Jahr 1865 in Warburg, Westfalen, bis zum Ende ihres Lebens blieb sie jedoch mit Beuthen verbunden. Sie engagierte sich bei verschiedenen Maßnahmen, die der Verbesserung der Lebensbedingungen der Einwohner der Stadt und des Kreises Beuthen dienten. Auf ihre Initiative hin wurden Spendenaktionen für den Bau einer modernen Rehabilitations- und Erziehungseinrichtung, des sog. Hl. Geist-Krüppelheimes, veranstaltet, das 1912 eröffnet wurde. Dank einer modernen Ausstattung konnten dort Opfer der in der Schwerindustrie so häufigen Arbeitsunfälle behandelt werden. Dorothea Brüning setzte sich unermüdlich für die Verbesserung der Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung ein, die sonst keine Möglichkeit hatte, fachmännisch behandelt zu werden und einen Beruf zu erlernen, der ihre künftige Existenz sichern würde.
Mit Beuthen fühlte sie sich dermaßen stark verbunden, dass sie trotz schwieriger Bedingungen nicht einmal nach dem Einmarsch der Sowjets die Stadt verließ. Wie alle Beuthener, die in ihrer Heimatstadt bleiben wollten, war sie gezwungen, die polnische Staatsangehörigkeit anzunehmen; was später auch in der Sterbeurkunde vermerkt wurde. Als sie erkrankte und nur noch selten ihre Wohnung (im Erdgeschoss ihrer Villa durfte sie zwei Zimmer behalten) verlassen konnte, kümmerten sich Freunde um sie. Sie galt als eine ehrwürdige Frau, großartige Ehegattin und Mutter, und als ein aufgeschlossener Mensch. Sie starb im Jahr 1950. Während der Besatzung bildeten Einwohner der Stadt, die ihre Verdienste sehr hoch schätzten, ein Spalier, das sich von ihrer Wohnung (damals ul. Roosevelta 4) bis zu Kirche zog. Die Trauerfeier wurde zu einer Manifestation der Sympathie für die Verstorbene und dem Ausdruck tiefer Traurigkeit. Mit dem Tod Dorothea Brünings ging eine Epoche in der Geschichte der Stadt zu Ende. Sie wurde auf dem Friedhof Mater Dolorosa neben ihrem Mann und zwei ihrer fünf Kinder
(11) beigesetzt.


Der Beitrag ist illustriert mit einem Foto vom 75. Geburtstag Georg Brünings im Jahre 1926 mit dem Zusatz, man könne nur erahnen, welche dieser Damen Dorothea Brüning sei. Vielleicht helfen die aktenlage.net bekannten Abbildungen, die "Frau Oberbürgermeister" zu identifizieren.


Silberhochzeit 1908 die Kinder Reinhold, Georg, Ernst, Hans und Dorothea

75. Geburtstag Georg Brünings im Jahre 1926

März 2024

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Bildnachweise:
1. - 4. Kirchenbuch,  Trauungen - Brüning-Köhne, Eintrag 30.05.1883, KB006-02-H _ Warburg-Neustadt, St. Johannes Bapt., Matricula Online.
2. Beuthen/Bytom - Ring (Westseite) um 1880 - Przemyslaw Nadolski, Bytom wczoraj, Beuthen O/S gestern, Gliwice - Bytom 1996. 
3. Eheleute Georg und Dorothea Brüning - Sammlung Ralph Brüning, Repro.: dg
4. Buch-Cover - Magdalena Goik, Edyta Horwat, Izabella Wójcik-Kühnel, Frau in der Geschichte und Gegenwart von Bytom/Beuthen, Bytom 2011.
5. Dorothea Brüning, geb. Köhne - Sammlung Ralph Brüning, Repro. und Ausschnitt: dg.
6. Silberhochzeit 1908 - Georg Kayser, Zwischen Sand und Lehm, Eine autobiographische Erzählung, Fouqué Literaturverlag, Egelsbach u.a. 1999, S. 165.
7. 75. Geburtstag 1926 - Magdalena Goik u.a., Frau in der Geschichte und Gegenwart von Bytom/Beuthen, Bytom 2011.

Anmerkungen:
1. Archiwum Państwowe w Opolu (Staatsarchiv) Nr. 7788: Bürgermeister Brüning in Beuthen 1882-1932. 
2. Oberschlesische Volksstimme, 9. Jg., Nr. 32, Gleiwitz 17.03.1883.
3. Alfons Perlick, Beuthen O/S - Ein Heimatbuch des Beuthener Landes, Dülmen 1982, S. 24. - Herausgegeben von der Stadt und Kreis Recklinghausen 1962, neu bearbeitet 1982. Gesamtredaktion: Beuthener Heimatkreis Recklinghausen. Patenschaft des Landkreises Recklinghausen mit dem ehemaligen Landkreis Beuthen/Tarnowitz.
4. Franz Stodolka, Deutsches Schicksal der Stadt Beuthen in Oberschlesien, Privatdruck, Recklinghausen 1957, S. 89.
5. Oberschlesische Volksstimme, Jg. 9, Nr. 59 vom 24.05.1883.
6. Georg Kayser, Zwischen Sand und Lehm, Eine autobiographische Erzählung, Fouqué Literaturverlag, Egelsbach u.a. 1999, S. 124.
7. Georg Kayser, a.a.O., S. 127.
8. Wenn in diesem Abschnitt nicht anders zitiert: Georg Kayser, a.a.O., S. 130ff.
9. Kayser, a.a.O., S. 131  f.
10. Magdalena Goik, Edyta Horwat, Izabella Wójcik-Kühnel, Frau in der Geschichte und Gegenwart von Bytom/Beuthen, Bytom 2011.
10. Das Ehepaar Dorothea und Georg Brüning hatte zwölf Kinder.

 
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